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Wirbelsäule und Beweglichkeit

Dienstag, 01. Mai 2007

Die Wirbelsäule spielt im Qigong eine im wahrsten Sinn des Wortes zentrale Rolle, was sich in Ausbildung und Unterricht deutlich widerspiegelt.
Viele traditionelle wie moderne Qigong-Formen widmen sich hauptsächlich dieser zentralen Bewegungsachse, wie zB "Der fliegende weiße Kranich aus Shaolin" (auch "Weiches Qigong"), die Seidenübungen "Chan Si Jin" oder die Qi-Spiralübungen (auch "Dem Fluss des Lebens folgen" oder "Die Kunst des Loslassens").

Ein Grund dafür mag sein, dass immer mehr Menschen unseres Kulturkreises unter Rückenschmerzen und weiteren Belastungen in diesem Bereich leiden. Hierzu sei unbedingt erwähnt, dass der größte Teil von Rückenschmerzen auf Verspannungen in diesem Bereich zurückzuführen ist.
Eine weitere Ursache sich aus Sicht des traditionellen Qigong mit diesem Thema auseinanderzusetzen, ist die Tatsache, dass die wichtige Regulation der Atmung ohne eine gute Aktivierung der Wirbelsäule nicht möglich ist.

Die Beschäftigung mit einer leichten, natürlichen und stressarmen Beweglichkeit der Wirbelsäule liegt also in der Natur des Qigong. Als zentrales Bewegungsorgan reagiert sie empfindlich nicht nur auf Überbelastung, sondern vor allem auch auf Bewegungsmangel. Gerade die Seidenübungen liefern hier eine historisch lange abgesicherte und auf der anderen Seite hochmoderne Antwort. Abgeschwächte Strukturen (durch Bewegungsmangel) werden gekräftigt, verspannte Teile lernen, sich zu entspannen. Die Bewegungen folgen dabei essentiellen Spiralbahnen und Bindegewebszügen in unserem Körper, da der menschliche Organismus immer als Einheit betrachtet und auch so trainiert wird.

Wirbelsäulentraining muss folglich in erster Linie Koordinationstraining sein, im speziellen aus dem genannten Zusammenhang mit der Atmung heraus. Undifferenziertes Kräftigen (= gleichzeitiges Anspannen von Agonisten und Antagonisten) schädigt diese Feinkoordination und wirkt sich aus einer ganzheitlichen Weltsicht speziell auf unseren Geist und unser Gehirn katastrophal aus. Deshalb ist bei herkömmlicher Wirbelsäulengymnastik, Rückenschule und Kräftigungstraining höchste Vorsicht geboten!

Im guten Qigong-Unterricht erarbeiten wir gemeinsam passende Übungen. Sie haben ausreichend Zeit für Koordination und Ihre Atmung bringt ein spürbares Element von Leichtigkeit in die Übungen. Sportlicher Ehrgeiz ist diesem philosophischen Weltbild ebenso fern wie eine undifferenzierte Kräftigung der Muskulatur alleine:


Die Menschen, wenn sie leben,
da sind sie weich und zart,
nach ihrem Tode, da sind sie fest und hart;
die abertausend Lebewesen,
Kräuter und Bäume, wenn sie leben,
da sind sie weich und biegsam,
nach ihrem Tode,
da sind sie trocken und dürr.

Also:
Festigkeit und Härte sind des Todes Gefährten,
Weichheit und Zartheit sind des Lebens Gefährten.

Darum:
Ist die Waffe hart, dann siegt sie nicht,
ist der Baum hart, dann wird er zur Waffe:
Das Harte und Große weilt unten,
das Weiche und Zarte weilt oben.
(Laotse, Tao Te King, 76. Spruch, Übersetzung nach Jan Ulenbrook)

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