Yi und Aufmerksamkeit im Qigong



Wie viele Qigong-Fachbegriffe ist auch „Yi“ schwer zu übersetzten. Bei meinem ersten Kontakt mit diesem Begriff wurde er mit „gerichteter Aufmerksamkeit“ übersetzt, was ich zunächst ohne groß darüber nachzudenken hinnahm. Auf jeden Fall war Yi etwa anders für mich als Konzentration, was ich als zu einengend empfand. Im Lauf der Zeit, wurde mir auch klar, wie sehr Yi mich ins Hier und Jetzt bringen kann, auch weit weg vom Nachdenken.

In einem Buch über Waldbaden („Die wertvollen Medizin des Waldes“ von Dr. Qing Li) ist mir ein Zitat von William James (1842 - 1910) untergekommen. Darin unterschiedet er zwei Arten von Aufmerksamkeit.

Die erste ist willentlich und zielgerichtet – wir benötigen sie für Aufgaben, die Anstrengung und Konzentration erfordern. Diese Art der Aufmerksamkeit führt früher oder später zu geistiger Ermüdung. Das kann mit Yi sicher nicht gemeint sein, beim Erlernen so mancher komplexerer Qigong-Übung oder eines Taiji-Ablaufs geht es mir heute noch so, dass es sehr anstrengend sein kann. Das von manchen Lehrern geforderte zu lange „Wahrnehmen“ wird zu dieser Art von Aufmerksamkeit und ist bald anstrengend. Da Qigong meist ein deutlich koordinatives Training beinhaltet, führt kein Weg dran vorbei, unsere Aufmerksamkeit auf das Ziel des Lernens und es ist die Kunst eines guten Lehrers hier für Abwechslung und Entspannung zu sorgen.


Als ich von der zweiten Art der Aufmerksamkeit las – ungerichtete Aufmerksamkeit oder auch „sanfte Faszination“ genannt – konnte ich da viel mehr die Qualität von Yi erkennen. Das ist die Art von Aufmerksamkeit, wie wir der Natur begegnen. Ungerichtete Aufmerksamkeit bedarf keiner Anstrengung, sie kommt von allein. Unser Geist wird mühelos von einem Sonnenuntergang, dem Geräusch eines Wasserfalls, dem Anblick eines mächtigen Baums oder dem Gesang von Vögeln eingenommen. Diese beruhigenden Augenblicke verschaffen uns ein Pause und erlauben unserem Geist, wieder zur Besinnung zu kommen.

Die beiden Arten der Aufmerksamkeit werden sich beim Erlernen einer Übung wohl abwechseln; empfehlenswert erschient mir ein Zugang, auch ohne einen Bewegungsablauf perfektioniert zu haben diese Yi-Qualität zu finden und sich von einer Übung „sanft faszinieren“ zu lassen. Im Sinn von Yin & Yang denke ich, dass sich Yi von alleine einstellt, aber doch entwicklet werden muss. Hier hilf regelmäßiges Üben, bis eine Übung verinnerlicht ist. Diese Qualität in einer Qigong-Übung zu entwickeln erfordert Übung und Zeit (Gongfu) und ist sicherlich ein großer Schritt eine Übung zu „meistern“ (erst Kennen, bald Können, spät meistern hat auch mein Tanzlehrer oft gesagt).


Mache einfach eine Übung - ohne Denken, ohne Konzentration, ohne Anstrengung; die Bewegung kommt und fließt von alleine, der Atem ist Teil des Ganzen ohne besonders beachtet zu werden, keine ablenkenden Gedanken haben Raum; Du bist da, hier und jetzt und machst Qigong. Dann weist Du was Yi bedeuten kann und es muss auch nicht mehr übersetzt werden.

(Vielleicht aber wird man in meinem Unterricht nun öfter die Übersetzung „ungerichtete Aufmerksamkeit“ hören, bis sich etwas Geeigneteres ergibt).


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