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Unterwegs am europäischen Amazonas - Tag 1 bis 16: Nordroute und Hinfahrt

15. Sept.
33 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Sept.

4 Wochen entlang von Mur, Drau und Donau - durch 5 Länder und mit der besten Ehefrau der Welt



Vor uns liegt eine außergewöhnliche 29-tägige Radreise durch eine der ursprünglichsten Flusslandschaften Europas: den „Amazon of Europe“. Entlang von Mur, Drau und Donau verbindet die Große Runde unberührte Auenwälder, weite Feuchtgebiete und echte Wildnis mit historischen Städten, Weinbergen und der kulturellen Vielfalt von fünf Ländern – Österreich, Slowenien, Ungarn, Kroatien und Serbien.


Hier, im weltweit ersten Fünf-Länder-UNESCO-Biosphärenreservat Mura-Drava-Danube (seit 2021), fließen drei große Flüsse über 700 Kilometer durch Mitteleuropas größtes naturnahes Flusssystem. Weißschwanzadler, Schwarzstörche, Otter und eine Artenvielfalt, die uns staunen lässt, sind hier zu Hause. Weite Auen, dichte Wälder, idyllische Dörfer und das Gefühl echter Wildnis – alles bequem per Fahrrad erlebbar.

Die offizielle Route startet in Mureck (Österreich) und endet in Mohács (Ungarn). Einen groben Überblick erhältst Du hier. Es gibt eine nördliche und eine südliche Variante entlang von Mur und Drau. Wir haben uns entschieden, im Norden hin- und im Süden zurückzuradeln – und die Tour schließlich in Maribor ausklingen zu lassen. Die allgemeinen Informationen haben wir unter Amazon of Europe Bike Trail gefunden.

Unsere Route folgt zunächst der Mur durch Slowenien und Westungarn, taucht ein in die Drau-Landschaften, gönnt uns Wein und Burgromantik in Villány und Harkány, kreuzt nach Kroatien und Serbien entlang der Donau (inklusive Kanutour und Baranja-Wein), macht Station in Erdut und Osijek (mit Bootsfahrt im Naturpark Kopački Rit) und führt dann flussaufwärts der Drau zurück über historische Perlen wie Varaždin und Ptuj bis nach Maribor.

Dazwischen haben uns Qigong-Übungen geholfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, Wirbelsäule und Schultern zu lockern und den Kopf frei zu bekommen für den nächsten Flussblick. Wir hatten Zeit, uns mit den historischen und geografischen Hintergründen dieser Region vertraut zu machen, Menschen kennenzulernen, ein paar Brocken Ungarisch zu lernen – und zwischendurch auch ordentlich zu blödeln.

Wenn Du magst: Lass den Alltag kurz hinter Dir. Steig auf, atme tief aus und tauche ein in ein Abenteuer aus Natur, Freiheit, Wein und Entdeckung. Die Große Runde ist mehr als eine Radreise – sie ist eine Einladung, den europäischen Amazonas mit allen Sinnen zu spüren. Viel Freude beim Lesen!


Tag 1: Von Graz nach Mureck


Die Reiseunterlagen sagen „individuelle Anreise nach Mureck“ – das heißt für uns: Wir radeln einfach von zu Hause los.

Birgit hat’s sich gewünscht – und es fühlt sich irgendwie toll an, die eigene Haustür hinter sich zu lassen und bis Serbien (und zurück) nur mit dem Rad unterwegs zu sein. Gabor Helian von HelianNatour (www.helian.hu) hat uns eine feine 29-Tage-Runde zusammengestellt – im Schnitt 50 km, bis maximal 70 km haben wir ausgemacht. Wir bekommen digitale Reiseunterlagen und gps-Daten für unseren Weg. 29 Mal "Hotel mit Frühstück" ist für uns gebucht. Heute legen wir schon 74 km vor, weil wir den offiziellen Start in Mureck nicht mit Auto oder Zug erreichen wollten.

Unsere Räder sind ganz normale Stadträder, ohne elektrische Unterstützung, nur mit besseren Reifen für den Schotter. Damit sind wir schon den Murradweg in fünf Tagen, zehn Tage ans Meer und den Alpe-Adria-Weg gefahren. 30 Tage am Stück? Das ist neu und richtig aufregend. Und in Serbein waren wir beide auch noch nie.


Graz: Geld wechseln und in die Gänge kommen

Zuerst zum Grazer Hauptplatz: Geld wechseln und die Gänge einstellen. Birgit wird in den nächsten Wochen noch oft froh sein, dass der kleinste Gang jetzt endlich wieder rein springt. Während der Wartezeit besorgt sie sich die passende Radbrille, ich hole derweil ungarische Forint und serbische Dinar. Dann kann es endlich richtig losgehen.

Der Murradweg in Österreich ist super beschildert (die grünen Amazon-of-Europe-Schilder freuen uns schon), hat genug Labestationen und gute Verpflegung.


Kurz nach Wildon entlasten wir zum ersten Mal den Hintern – und entdecken am Wegrand Baby-Biber! Flauschig und gar nicht scheu. Die Murauen hier sind das zweitgrößte Auwaldgebiet Österreichs und ein richtiges Paradies.


Kleine Qigong-Pause: Hüftkreisen im Stand – zehnmal links, zehnmal rechts, langsam und mit tiefem Atmen. Danach die Schultern weich kreisen. Nach 30–40 km öffnet das die Hüften und den unteren Rücken wunderbar.

Ehrenhausen: Backhendl und Vanilleeis mit Kernöl

Mittagspause in Ehrenhausen. Auf der Karte: Backhendl-Salat mit Kürbiskernöl. Bekommen: Backhendl-Salat ohne Kernöl. Dafür Vanilleeis mit Kernöl. Wir lachen und genießen. Die Steiermark und ihr grünes Gold – manchmal kommt’s eben auf dem Eis statt im Salat.

Weiter geht’s an unzähligen Mais- und Kürbisfeldern vorbei. Vieles davon ist vertrocknet, weil es ewig nicht mehr geregnet hat.


Murecker Schiffsmühle

Kurz vor dem Ziel befindet sich die Murecker Schiffsmühle – die einzige noch funktionsfähige schwimmende Mühle Mitteleuropas in traditioneller Bauweise. 1997 originalgetreu wieder errichtet, dreht sich das große Wellrad im Strom der Mur. Früher gab’s hier dutzende solcher Mühlen. Heute ist sie Wahrzeichen und technisches Juwel mitten in den Murauen. Wegen des bedeckten Wetters schließt das Restaurant bald – wir schauen uns die Mühle an und hören die „Stimme der Mühle“.


Röcksee – Schwimmen als Belohnung

Nach dem Check-in in Mureck fahren wir noch zum Röcksee. 17 Hektar Wasser, warm und heute fast nur für uns. Schwimmen ist der perfekte Ausgleich. Danach im Restaurant mit tollem Ausblick und Eierschwammerl auf der Karte.


Der offizielle Start der Großen Runde liegt noch vor uns – und doch spüren wir schon jetzt: Das wird eine Reise, bei der nicht nur die Kilometer zählen.


Tag 2 - Von Mureck nach Murska Sobota - 49km


Wir starten in Mureck und fahren noch einmal zum eigentlichen Startpunkt des Amazon of Europe Bike Trails.










 Bald steht die erste wichtige Entscheidung an: Nordroute oder Südroute? Wir bleiben im Norden und lassen die Südroute (die später durch Slowenien führt) erstmal links liegen - wir wollen die Mur noch ein bisschen länger von der österreichischen Seite begleiten.






Murturm – 168 Stufen und ein bisschen Philosophie


Gleich zu Beginn nehmen wir uns Zeit für den Murturm bei Gosdorf. 27,5 Meter hoch, 168 Stufen in einer eleganten Doppelhelix, die an die berühmte Wendeltreppe der Grazer Burg erinnert. Der Aufstieg ist ein kleines Abenteuer für sich: Die Treppe schraubt sich durch die „Waldetagen“ des Auwalds, und oben eröffnet sich ein herrlicher Rundblick über die Murauen, bis weit nach Slowenien hinein.


Spiral Qigong bietet sich an und fühlt sich in dieser riesigen Spirale sehr aufbauend an.





















Oben stehen wir, atmen tief und philosophieren ein bisschen: „Wo es ein oben gibt, gibt es ein unten.“ Yin und Yang. Auf und Ab. Anstrengung und Belohnung. Ein paar bewusste Atemübungen – einatmen in den Bauch, ausatmen und die Schultern weich sinken lassen – und der Körper merkt sofort: Der Rücken freut sich über die Bewegung nach gestern.



Alte Schleuse und Qigong

Weiter geht’s. An einer alten Schleuse machen wir eine kurze Pause. Hier, mitten in der ruhigen Aulandschaft, üben wir ein paar Qigong-Bewegungen: „Den Bogen spannen, auf den Adler zielen" und ein paar Lockerungsübungen. Drei Minuten reichen. Der Oberkörper wird frei und durchlässig. Perfekt, bevor es weitergeht.







Kurzer Ausflug nach Slowenien und Mittag in Bad Radkersburg

Über eine Fußgängerbrücke wechseln wir für 12 Kilometer kurz nach Slowenien und wieder zurück. Ein erster kleiner Grenz-Tanz. Danach gönnen wir uns in Bad Radkersburg eine kurze Mittagspause.

Zurück am Amazon-of-Europe-Radweg geht es weiter zur Johannesquelle. Ein natürliches Sauerwasser, das aus dem Boden sprudelt und uns richtig erfrischt. Der Geschmack ist mineralisch und etwas herb – genau das Richtige nach den Kilometern. Wir füllen die Flaschen und spüren, wie der Körper dankbar ist.


Danach ein kleiner Umweg, um den berühmten „Grenzstein 1“ zu finden. Leider ohne Erfolg – die Strecke wird unfahrbar, Schotter und Unterholz zwingen uns zum Umdrehen.


Sicheldorf – offiziell nach Slowenien

In Sicheldorf geht es dann endgültig über die Grenze. Ab hier wird die Route mit roten Schildern markiert – leider nicht immer durchgehend. Wir müssen mehrmals anhalten, Karte und Handy zücken und uns neu orientieren. Und Verpflegungspunkte? Eher rar. Umso größer die Freude, als wir im „Coffee Black“ landen: Erdbeereis und Tonic Water. Genau das Richtige, um wieder Energie zu tanken.


Baggersee und Burger-Belohnung

Kurz vor dem Ziel in Murska Sobota machen wir noch einen kleinen Abstecher zum dortigen Baggersee. Abkühlung pur – das Wasser tut den Beinen und dem Kopf unglaublich gut. Danach haben wir uns den Burger im „Bunker“ (empfehlenswert!) redlich verdient. Birgit gönnt sich dazu ein Schoko-Bier (ja, wirklich), ich bleibe beim slowenischen Klassiker.



Fazit Tag 2

Der erste Abend in Slowenien: Ein Tag voller Gegensätze: oben und unten am Murturm, Österreich und Slowenien, Sauerwasser und Schoko-Bier, klare Beschilderung und plötzliche Orientierungslosigkeit. Genau so, wie Yin und Yang es vorschreiben: Wo es Anstrengung gibt, gibt es auch Belohnung.

Der europäische Amazonas hat uns heute schon gezeigt, dass er nicht nur Natur, sondern auch kleine Abenteuer und Überraschungen bereithält. Morgen geht’s weiter durch das pannonische Flachland – und wir sind gespannt, was der nächste Tag bringt.




Tag 3: Über die Liebesinsel und 3x Bistrica nach Lendava - 45km


Der Tag beginnt mit einer Wirbelsäulenübung – Kranich-Qigong – und einem "unglaublichen" (Zitat Birgit) Frühstück - das beste Frühstück der Reise). Genau die richtige Basis, bevor es rausgeht. Und wir dürfen uns ein Lunchpaket zusammenstellen.

Wir müssen ein Stück denselben Weg zurückfahren, den wir gestern gekommen sind.





Wenig später landen wir in Ižakovci auf der berühmten Liebesinsel (Otok ljubezni). Eigentlich ist es eine Halbinsel, die von oben wie ein Herz aussieht. Und genau dieses Herz regt uns zur fünften Brokatübung aus dem Qigong an: „Das Herzfeuer vertreiben“.



Hier gibt’s auch die schwimmende Schiffsmühle (den einzigen noch funktionierenden plavajoči mlin seiner Art in Slowenien) und die traditionelle Fähre, auf Slowenisch „brod“. Zwei flache Boote, verbunden durch eine Plattform, an einem Seil über die Mur. Romantisch und historisch zugleich – es gibt sogar die Legende von der gräflichen Marija Zichy und dem Müllerssohn, die sich hier heimlich trafen.

Weitere Qigong-Übungen vor Ort (falls du mal da bist – sehr empfehlenswert!):„Den Mühlstein drehen“ – große kreisende Armbewegungen, als würde man den Mühlstein der Schiffsmühle drehen. Und „Der Kranich prüft das Wasser“ – ein Bein heben, den „Fuß“ vorsichtig ins Wasser tippen, Standbein stabil halten. Perfekt für Gleichgewicht und Fokus.



Der schönste Abschnitt des Tages

Nach der Liebesinsel sofort rechts in den Wald und am Weg an der Mur bleiben. Das ist einer der schönsten Abschnitte der ganzen Tour – dichte Auwälder, das Rauschen der Mur, Vögel, Schatten. Auch wenn man zwischendurch mal kurz schieben muss: Es lohnt sich. Bis zum brod Melinci gibt es mehrere tolle Rastplätze, an denen man einfach nur sitzen und genießen kann.

Danach raus auf Asphalt und durch die drei Bistricas: Gornja Bistrica, Srednja Bistrica und Dolnja Bistrica Richtung Hotiza.


















Der Schotter-Marathon

Ab hier wird’s ernst. Der Weg ist erstmals extrem schottrig – große Steine, schwer fahrbar für unsere Stadträder, und es ist richtig heiß. Dazu kommt: Die Beschilderung lässt zu wünschen übrig, eine wichtige Abzweigung ist kaum zu erkennen. Über eine Stunde kämpfen wir uns vorwärts.


Endlich landen wir in Velika Polana (vormals „Teufelsloch“) und in einem netten Café. Die Erleichterung ist groß. Velika Polana ist übrigens auch als europäisches Storchen-Dorf bekannt – aber heute freuen wir uns vor allem über Kaffee und Schatten.

Dann 2 Kilometer richtig schön und kühl durch den Wald – ein kleines Geschenk. Doch die letzten 7 km bis Lendava fordern uns noch einmal alles ab: wieder Schotter, Hitze und Gegenwind. Wir beißen die Zähne zusammen.


Ankunft und Fazit Tag 3

In Lendava angekommen, ist der dritte Tag vollendet. Und die große Erkenntnis des Abends: Knie, Hüften und Hintern halten!

Der Körper macht mit. Die Qigong-Übungen von morgens und an der Liebesinsel haben sich bezahlt gemacht.


Tag 4 - steil, heiß und lang nach Letenye - Nationalfeiertag in Ungarn - 70km


Der Tag startet mit einem ordentlichen Steilstück hinauf zum Vinarium Tower (Weinturm) in Lendava. 53,5 Meter hoch, der höchste Aussichtsturm Sloweniens, mit Blick über vier Länder. Leider hat er heute noch nicht geöffnet – aber die Sicht von unten und den Weinbergen rundherum ist trotzdem grandios. Wir genießen den Moment, atmen tief durch und machen uns dann auf den Weg.



Heute wartet eine lange Etappe auf uns – und zum ersten Mal geht’s nach Ungarn.







Das Wald-Highlight

Zuerst ein bisschen auf und ab, dann plötzlich rechts ab in den Wald. Und was für ein Stück! Fast wie eine Mountainbike-Strecke – enge Kurven, leichte Wellen, aber komplett asphaltiert. Ein absolutes Highlight des Tages. Man fühlt sich wie im Trail-Paradies, nur ohne losem Schotter - was knapp 20kg Gepäck vorteilhaft ist. Auch weiter unten geht es asphaltiert durch den Wald. Man kann das kritisch sehen (Asphalt im Wald?), aber zum Fahren ist es einfach super – flüssig, angenehm und sicher.








Wir nutzen die angenehme Fahrt für








Ungarn überrascht

Insgesamt überrascht uns Ungarn von der ersten Minute an: tolle Radwege und eine super Beschilderung. Deutlich besser als manch anderer Abschnitt davor. Wir fahren an dem Büffelreservat in Szécsisziget vorbei – die mächtigen Wasserbüffel sind ein schöner Anblick mitten in der Landschaft.





Mittagspause machen wir am Karpfenteich an der Mur (muracarlakes.at). Ruhig, grün und genau das Richtige, um Kräfte zu tanken.










Danach gibt es noch eine kleine Bergwertung, bevor wir uns beim Badesee Kistolmács richtig erfrischen und erholen. Schwimmen, abkühlen, Beine baumeln lassen – der See ist ein Segen nach der Hitze und den Höhenmetern.







Von da weg ist es noch ein Stück, dann durch Letenye bis zur Radics Panzió. Unser Ungarisch ist noch schwach, aber die Basics sitzen schon: Jónapot (Guten Tag) und Köszönöm (Danke). Bald werden Bor (Wein) und Sör (Bier) dazukommen.


Das Abendessen-Abenteuer

Im Lokal bin ich kurz überfordert. Die Hitze des Tages drückt noch, und es gibt keine Speisekarte – alles online. Das hat immerhin den Vorteil, dass man sich die Seite übersetzen lassen kann. Als dann auf der Karte plötzlich „Raumduftspender“ auftauchen, kenn ich mich gar nicht mehr aus. Gemeint sind schlicht Erfrischungsgetränke wie Cola oder Fanta. Nach einigem Rätseln und Übersetzen gelingt es uns schließlich, etwas Vernünftiges zu bestellen. Daher: Köszönöm für den Tag – und ein kühles Sör.


Tag 5 - am Damm umgeben von trockenem Mais - 53km


Der Tag beginnt… interessant. Mit dem schlechtesten Frühstück der gesamten Reise. Weißbrotschnitten, klebrige Eierspeise, grauer Kaffee, viel, viel Wurst, Schmelzkäse in Dreiecken eingepackt und Paprika. So „gestärkt“ radeln wir los.

Schon bald sind wir am Damm – und das wird in den nächsten Tagen noch oft so sein. Es ergibt sich folgendes Bild: Weit weg vom Wasser wurden Dämme als Hochwasserschutz gebaut. Darauf radeln wir. Heute auf Schotter, es ist heiß, wir kommen nur langsam voran. Als Birgits Rad bei einer Pause umfällt - der Weg führt über eine schmale Brücke - verklemmt sich der kotflügel etwas und meine sonst so gut gelaunte Frau verliert kurz die positive Ausstrahlung. Aber das Ganze kann leicht wieder gerade gebogen werden und die Fahrt geht weiter.


Links und rechts vom Damm wird gerne Mais angebaut – das prägt die Landschaft über viele Kilometer, der Fluss ist selten in Sicht. In der ganzen Region hat es, wie in Österreich, viel zu wenig Niederschlag gegeben. Der Mais ist braun und trocken, die Flüsse führen wenig Wasser. Eine stille, eindringliche Warnung der Natur.


Von Zeit zu Zeit ist ein Abstecher Richtung Mur ausgeschildert. Einen davon nutzen wir als Qigong-Pause: „Der Drache wälzt sich am Strand“ aus den Seidenfaden-Übungen. Die fließenden, rollenden Bewegungen passen wunderbar an diesen Ort und tun den Schultern richtig gut. Nach den langen Damm-Kilometern ist das Gold wert.

Uns wird immer mehr die unglaubliche Vogelwelt der Region bewusst: Störche, Adler, Schwäne und Kormorane. Sie beleben die trockene Landschaft und erinnern daran, dass hier trotzdem noch Leben in Hülle und Fülle steckt.

Bei Muraszemenye finden wir einen Weg über die Gleise mit einer Mini-Schranke.





Der Zusammenfluss

Wir verlassen unsere Route, um den Zusammenfluss von Mur und Drau bei Őrtilos zu sehen – landen aber erst wieder am AoE-Trail. Das muss ganz neu sein und sieht auch neu aus. Den höchsten Punkt nutzen wir für eine kurze Pause. Dann nehmen wir uns Zeit, diesen Zusammenfluss zu betrachten.








In 20 Tagen werden wir auf der anderen Seite stehen und hierher sehen. Ein komisches, fast magisches Gefühl. Unsere Reise fühlt sich noch jung an – und gleichzeitig ahnen wir schon die Weite, die noch vor uns liegt.

Nach 40 km Richtung Gyékényes: die erste echte Pause mit Kaffee trinken und baden im Baggersee. Der Körper dankt.



Ankunft in Csurgó und Feiertags-Rettung

Danach geht es flotter voran bis Csurgó (es sieht regnerisch aus) in eine private Unterkunft. Da stellen wir fest: In Ungarn ist heute Feiertag, nichts hat offen. Unser Vermieter Franz Josef ist auch nicht da – wir rufen an, der Schlüssel ist hinterlegt - wir können unser mittlerweile übliches Ritual ausführen: Radklamotten waschen, uns waschen, Wäsche zum Trocknen hängen. Und hier gibt es sogar ein Mini-Pool.

Franz Josef spricht gut Deutsch und kümmert sich liebevoll darum, dass wir heute nicht hungern müssen. 30 Minuten später kommt der Lieferdienst mit Schnitzel, Pizza und Salat. Der Salat wird in einer Plastikdose gebracht, die auf der gesamten Reise wertvolle Dienste leisten wird, wenn wir vom Frühstück Obst und Tomaten mitnehmen dürfen.

Im Kühlschrank entdecke ich eine Weinflasche von A. Gere (kommt bald). Leider nur die Flasche – der Inhalt ist eher ein Essig als ein Wein. Aber was hilfts? Wir lachen und genießen trotzdem. Der Körper hält, die Seele freut sich über die kleinen Geschichten – und der europäische Amazonas zeigt sich wieder von seiner ehrlichen, ungeschönten Seite.


Tag 6: Steh-Espresso, Baumwipfelpfad und ein braunes Bad - 38km


Der Tag beginnt mit einem tollen Frühstück. Große Kipferl und aus dem eigenen Garten: Pfirsiche, Zwetschgen, Marmelade, Trauben und Tomaten. Dazu die übliche Salami und Wurst. Zusätzlich haben wir noch ein Lunchpaket von gestrigen Resten: Pizza und Schnitzel. Nachdem Birgit eine Mini-Schwimmrunde eingelegt hat, radeln wir heute sehr entspannt los – sehr angenehm durch Wälder. Es ist etwas

kühler und bewölkt.

Zum Ritual gehört mittlerweile, am Abend das Wetter zu checken. Es ist ein wichtiger Faktor, wann und wie schnell wir fahren können und wann es losgeht.





Der geheime Espresso und die illustre Runde

Wir suchen einen Baumwipfelpfad und stoßen dabei auf ein Haus, vor dem eine Menge Männer bei Café, Bier und Zigaretten sitzen. Sie deuten auf eine Türe – dahinter ist tatsächlich ein Geschäft, das von außen nicht sichtbar war. Wir bekommen Espresso um 90 Cent (gar nicht schlecht) in Mini-Plastikbechern und stellen uns kurz neben die illustre Runde. Steh-Espresso mit den Einheimischen – so fängt ein guter Tag an.


Lombkorona – Zeit im Baumkronen-Himmel

Nach etwas Suche finden wir den Baumwipfelpfad Lombkorona bei Kaszó. Wir lassen uns richtig Zeit mit der Erkundung des Gebietes. Der hölzerne Steg schlängelt sich 124 Meter lang und 9,5 Meter hoch durch die Kronen eines alten Eichen-Hainbuchen-Waldes. Man fühlt sich wie ein Vogel und bekommt eine ganz neue Perspektive auf den Wald. in herrlicher Ort für Qigong.











Zuerst „Stehen wie ein Baum“: Füße schulterbreit, Knie leicht gebeugt, Wurzeln tief in die Erde vorstellen, die Krone zum Himmel öffnen. Die Arme vor dem Körper runden, als würden wir den Stamm umarmen. Tief in den Bauch atmen und spüren, wie die Energie von den Wurzeln bis in die Blätter fließt. Fünf Minuten reichen – der Körper wird stabil und ruhig zugleich.


Dann „Die Wolkenhände“: sanftes Schwanken des Oberkörpers von einer Seite zur anderen, die Arme mit den Zweigen mitschwingen. Die Atmung fließt mit der Bewegung.


Danach fühlen wir uns erfrischt, geerdet und gleichzeitig leicht – genau das Richtige vor dem Weiterfahren.








Dann sind es nur noch 8 km bis Nagyatád – zwar ein Stück weg von der Drau, aber mit Thermalbad.






Die längste Check-in-Prozedur der Reise

Im Hotel Solar (das wohl schon bessere Zeiten gesehen hat) muss erst mal jemand gefunden werden, der sich für uns zuständig fühlt. Eigentlich wollen wir rasch in unser Zimmer und raus aus den verschwitzten Klamotten. Aber zuerst will der Mann an der Rezeption von uns wissen (kein Scherz):

Name, Familienname, Adresse, Geburtsort, Geburtsdatum, Check-in-Datum, Check-Out-Datum, heutiges Datum (ist das nicht das Check-in-Datum?), Name der Mutter (!), Mädchenname der Mutter (!?!).

Die längste Check-in-Prozedur der gesamten Reise. Wir füllen geduldig aus und freuen uns endlich aufs geräumige Zimmer.


Das braune Bad – very healthy

Die Therme finden wir fast gleich gegenüber vom Hotel. Die Außenpools werden zwar gerade renoviert, aber wir gehen trotzdem rein („very healthy water“). Drinnen schauen wir uns um. Als ich Richtung Saunen gehen will, werde ich streng ermahnt, dass diese zu ist (und schauen ist scheinbar auch nicht erlaubt).

Es gibt doch einen Außenpool und drei Innenpools – alle gefüllt mit unterschiedlich warmem braunem Wasser. Das war’s. Keine Sprudeldüsen oder sonstigen Attraktionen. Wir sitzen zwei Stunden im Wasser („very healthy“), was unseren Muskeln doch gut tut, und massieren uns gegenseitig. Manchmal ist weniger eben mehr.


Abendessen-Suche

Im Internet habe ich ein nettes Lokal gefunden – 1 km zu Fuß. Das schließt aber gerade, als wir ankommen. Also wieder zurück. Nach ein wenig Suche finden wir eine Pizzeria, die auch traditionelle ungarische Speisen anbietet. Ich entscheide mich für Erdäpfel mit Hühnerfleisch (sehr ungarisch!), Birgit wählt als Nachspeise Maroni-Reis.


Fazit Tag 6

Ein entspannter, gemütlicher Tag: Garten-Frühstück, Steh-Espresso mit den Männern, Baumkronen-Spaziergang mit Qigong, längste Check-in-Prozedur ever und zwei Stunden braunes Thermalwasser. Der Körper freut sich über die Ruhe, die Wärme und die geerdete Energie aus den Baumkronen. Und wir über die kleinen, skurrilen Begegnungen, die den europäischen Amazonas so liebenswert machen.


Tag 7: Baden, baden, baden - und ein wenig radeln - 58km

Beim Frühstück werden wir streng kontrolliert und müssen den Zimmer-Schlüssel vorzeigen (das einzige mal auf der Reise), damit keine ungebetenen Gäste sich einschleichen. Um 7:30 ist der Frühstücksraum noch nicht offen, also gehe ich außen herum und von draußen in den Raum. Wir sitzen beim Frühstück auch draußen. Strenge Blicke – aber dann sagt doch keiner was zu uns „komischen Touristen“. So fängt der Tag schon mit einem leichten Lächeln an.



Es ist morgens ein sehr angenehmes Radlwetter und wir kommen gut voran bis Barcs. Dann wird es schottrig und wir finden einen schönen Weg zur Drau. Baden in der Drau – das Wasser erscheint sauberer als stromaufwärts. Wir nutzen die Gelegenheit für ein paar Seidenfadedenübungen - "Spirale nach oben".








Noch ein Stück weiter kann ich sogar bis nach Kroatien rüberschwimmen – und wieder zurück. Ein kleines Grenz-Abenteuer, das mit nassen Haaren endet.








Beim dritten Badestopp sind wir völlig unter uns und ungestört. Die Drau rauscht, die Sonne wärmt, und die Welt steht still. Leider schürfe ich mir an einem Stein den Knöchel auf – ein kleiner Preis für so viel Freiheit - ist aber 2 Wochen lang beim Gehen unangenehm, beim Radfahren stört es Gott sei dank nicht.





Ankunft und Übersetzungs-Chaos

Schließlich kommen wir nach Kastélyosdombó. Weit und breit kein Vermieter zu sehen, der unsere Unterkunft aufsperren könnte. Wir telefonieren – mehr recht als schlecht mit Deutsch und Englisch. Nach 20 Minuten kommt eine Frau. Keine Ahnung, wer das ist. Wir nutzen intensiv die Übersetzungs-App, um herauszufinden,

  • ob wir überhaupt ein Frühstück bekommen,

  • wann wir Frühstück bekommen,

  • wo wir das Frühstück bekommen



...

und dann auch, um zu erfahren, wo es in der Nähe noch etwas zu essen gibt. Wir sind ziemlich hungrig. Gott sei Dank ist gleich 500 Meter weiter ein Restaurant, bei dem man Burger mitnehmen kann. Sie haben auch selbstgebrautes Bier – und sogar eine Sorte Kirschbier. Birgit ist freudvoll überrascht und strahlt.








Als Belohnung für den Tag gibt es zusätzlich 4 Kugeln Eis (nur gaaaanz kleine Kugeln ). Nach drei Bade-Stopps, 58 km und einem aufgeschürften Knöchel lassen wir den Tag im Sonnenuntergang in unserem privaten Hinterhof ausklingen. Der Knöchel piekst ein bisschen, aber das Herz ist voll.







Tag 8: Scharf - 58km

Das Frühstück wird pünktlich geliefert – alles funktioniert, auch wenn wir nicht immer alles verstehen. „Jó reggelt“ (Guten Morgen) ist mittlerweile in unserem Wortschatz angekommen, und „Szia“ (Hallo/Tschüss) auch. Das Frühstück ist üppig, da bleibt einiges für Jause und Abendessen. Wir haben ein Apartment und ich mache super starken Kaffee – da kann Birgit die ersten Kilometer Vollgas geben.

Auf einer langen Geraden zurück zur Drau bei Potony. Bei Révfalu verhindern freilaufende, scharfe Hunde den Besuch der Flusssiedlung. Wir bleiben lieber auf Distanz und lachen.


Im Duna-Dráva Nemzeti Park

Wir sind mitten im Duna-Dráva Nemzeti Park (Danube-Drava National Park). Gegründet 1996, erstreckt er sich über fast 50.000 Hektar entlang der ungarischen Abschnitte von Donau und Drau und ist einer der Kernbereiche des großen UNESCO-Biosphärenreservats Mura-Drava-Danube – dem „Amazonas Europas“. Hier schützen Auwälder, Altarme, Schotterbänke und Feuchtwiesen eine unglaubliche Vielfalt: Weißschwanzadler und Schwarzstörche, Biber und Otter, seltene Fische und unzählige Vögel. Die Drau-Seite ist besonders wild und dynamisch – genau das, was wir seit Tagen spüren.

Die Straßen sind wieder mal extrem holprig. Nach einer kurzen Schwimmrunde entscheiden wir uns lieber für eine Asphaltstraße, um ein paar Kilometer hinter uns zu bringen. Dann geht es bei Vejti zurück auf die holprige Schotterpiste. Insgesamt kommen wir schon routinierter und flotter voran als zu Beginn. Wir haben uns an die tägliche Aufgabe gewöhnt und wissen, wo wir aufpassen müssen und wann wir unseren Bikes vertrauen können.


Einer der schönstes Plätze der Reise













Kurz vor unserem Tagesziel finden wir einen Weg zur Drau – 1,5 km lang und ein wenig kompliziert. Dafür werden wir mit einem der schönsten Plätze der gesamten Reise belohnt. Wir lassen uns Zeit beim Schwimmen, genießen den Sandstrand, spielen mit der Strömung des Flusses, lassen uns oft mitziehen und gehen am Ufer wieder zurück. Badekleidung brauchen wir hier nicht.


Auch den Beginn der Taiji-Form übe ich im Wasser stehend. Ein „scharfer“ Platz – das ist lustig, weil immer wenn ich das Gewicht verlagere und das Taiji-Prinzip „sinken“ verwende, sinke ich wirklich einige Zentimeter in den sandigen Untergrund. Der Fluss und das Taiji tanzen zusammen.


Ankunft im Old Drava Visitor Centre

Um 16:30 Uhr erreichen wir das Ancient Drava / Old Drava Visitor Centre (Ős-Dráva Látogatóközpont) in Szaporca. Es zeigt die natürlichen und kulturellen Werte der Ormánság-Region und der Ost-Drau: Ausstellungen, Lehrpfade, ein Garten mit alten Obstsorten und Kräutern sowie ein Hof mit traditionellen ungarischen Haustierrassen. Hier kann man die Geschichte der Auenlandschaft und der alten Landwirtschaft hautnah erleben.

Die zwei Damen an der Rezeption warten nur darauf, uns den Schlüssel für dieses Zentrum in die Hand zu drücken – und machen dann Feierabend. Wir haben ein riesiges Gebäude und die Parkanlagen nun nur für uns. Ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und Privatsphäre mitten im Nationalpark.


Abendessen

Unser Essen haben wir selbst mitgebracht. Wir kochen Nudeln mit Soße – und Paprika. Ich habe den ungarischen Paprika unterschätzt: es ist mega scharf. Birgit isst an diesem Abend nur Brot. Wir lassen den Tag revue passieren: Der Duna-Dráva Nemzeti Park in seiner ganzen Pracht, ein wunderschöner Badeplatz mit Taiji im Fluss und am Ende ein riesiges Visitor Centre nur für uns – und ein Abendessen, das uns den Atem raubt.


Tag 9: Harka und Harkany - 20km


Die Legende von Harka und ein Bad im Teufelswasser

Wenn man Richtung Villány (unser nächster Stopp) schaut, sieht man einen spitzen Berg. Betrachtet man den Szársomlyó (Harsányer Berg) von Süden, erkennt man am Grat mehrere Furchen und die Fußabdrücke eines Hahnes, eines Ziegenbocks und einer Katze.

Dort wohnte einst eine alte Frau mit ihrer märchenhaft schönen Tochter Harka. Der Teufel warf ein Auge auf das Mädchen, trieb sich nachts um ihr Haus herum und redete unentwegt auf sie ein.

Schließlich sagte die alte Frau zu ihm:„Wenn du den Harsányer Berg vor dem ersten Hahnenschrei aufpflügst, soll meine Tochter dir gehören!“

Daraufhin spannte der Teufel einen Hahn, einen Ziegenbock und eine Katze vor seinen goldenen Pflug und begann den Berg zu ackern. Die Frau beobachtete ihn vom Dachboden aus und sah mit Schrecken, dass er die Aufgabe wohl bewältigen würde. Deshalb griff sie zur List, lief in den Hühnerstall und begann zu krähen. Darauf erwachten die Hähne und stimmten mit ein.

Der Teufel tobte vor Wut. Seine Tiere verwandelten sich zu Gipfeln. Er stampfte mit seinem Pferdefuß auf den Boden – es tat sich ein Schlund auf, durch den der Teufel zur Hölle fuhr.

An dieser Stelle schoss nach Schwefel riechendes heißes Wasser aus der Tiefe hervor.

Dieses nach Schwefel riechende heiße Wasser ist das berühmte Harkányer Heilwasser. Aus dem vom Teufel weggeworfenen Pflug entstand die Beremender Scholle, die herunterfallenden Erdreste türmten sich zum Siklóser Berg auf, und die Fläche, die der Teufel am Südhang des Szársomlyó gepflügt haben soll, wird heute „Teufelsacker“ genannt.


Unser Tag



Wir haben an diesem Tag kein Frühstück – nur Tee und zwei Äpfel. Dafür sind es nur 20 km bis Harkány: eine echte Halbetappe, damit genug Zeit zum Baden in der dortigen Therme bleibt.













Wir machen einen kurzen Abstecher nach Kroatien und an den Drauhafen bei Drávaszabolcs. Schon kurz vor Mittag erreichen wir Harkány. Unser Zimmer ist schon bereit. Man bietet uns einen Willkommensdrink an – Roséwein. Und es gibt eine ungarische Spezialität, die uns erklärt wird: Ganz besonders ist, dass man in Ungarn den Wein oft „spritzt“ (also mit Sprudelwasser mischt). Hihi. Wir müssen grinsen und genießen.


Das Bad im Teufelswasser

Die Therme in Harkány ist das komplette Gegenteil von Nagyatád: Viele Rutschen, ein riesiges Gelände und ein eigener Bereich mit dem berühmten Schwefelwasser. Auch das soll Wunder wirken – und dafür sorgen, dass 80 % aller Frauen, die darin baden, schwanger werden (zumindest die, die es wollen, hoffe ich).

Wir verlieren in diesem Bad eines unserer Reisehandtücher.

Im Bad kann man auch essen: gebackener Fisch und Gyros auf Salat – riesige Portionen. Und der Wein schmeckt plötzlich… scheinbar kommen wir in eine Weinregion.

Scharf war gestern der Paprika – heute duftet es nach Schwefel und Wein. Willkommen in der Region Villány-Harkány!


Tag 10: Auf der Weinstraße - 26km

Wir sind es mittlerweile gewohnt, früh aufzustehen. Das Frühstück um 7:30 ist schon fast spät für uns. Erst sind wir noch alleine, dann um 7:45 kommt „die Horde“. Plötzlich ist der Frühstücksraum randvoll. Unsere Vermutung: Die haben einen anderen Rhythmus als wir – die sind länger im Ort. Die Therme sperrt um 10:00 Uhr auf, also passt Frühstück bis nach 9 Uhr gut. Dann acht Stunden lang Wasser, heim und schick machen fürs Abendessen – zu einer Zeit, wo wir meist schon im Bett liegen. Und so viel schickes Gewand schleppen wir auch nicht mit 😄


Für uns steht heute die zweite gemütliche Halbetappe an.


Máriagyűd – Wallfahrt mit steirischer Verbindung

Zuerst ein paar Höhenmeter nach Máriagyűd. Dieser Wallfahrtsort am Fuß des Tenkes-Berges ist eines der bedeutendsten Marianischen Heiligtümer Südungarns. Die barocke Basilika (seit 2008 Basilica minor) und die Marienstatue ziehen seit Jahrhunderten Pilger an. Besonders


spannend für uns Steirer: Der Ort steht in enger historischer und spiritueller Verbindung mit Mariazell in der Steiermark – zwei wichtige Marienwallfahrtsorte, die über Jahrhunderte hinweg Pilger aus dem ganzen Habsburgerreich und darüber hinaus verbunden haben. Ein stiller, schöner Ort mit tiefer Atmosphäre.


Burg Siklós


















Danach besichtigen wir die Burg Siklós. Sie thront majestätisch über der Stadt und gilt als eine der am besten erhaltenen Burganlagen Ungarns. Erstmals 1294 urkundlich erwähnt, hat sie Romanik, Gotik, Renaissance, osmanische und barocke Schichten. Besonders beeindruckend sind die gotische Kapelle, der Erker an der Südfassade, der Rittersaal und der Wehrgang mit herrlichem Blick über die Villányer Hänge. Die Burg hat eine bewegte Geschichte: Adelsfamilien, Türkenbelagerung 1543, Befreiung 1686 und heute Museum und kultureller Mittelpunkt. Wir kämpfen mit Schild und Schwert und üben "Das schöne Mädchen sitzen am Webstuhl aus dem Taiji".

















Am Weinberg

Weiter geht es – und schon wird der spitze Berg, den wir gestern von Harkány aus gesehen haben (der Szársomlyó), immer prominenter. Wir fahren an der Südseite entlang – und zwar 20 Minuten lang nur durch Weinberge. Jetzt sind wir wirklich in einer Weingegend gelandet. Das bedeutet auch ein paar Höhenmeter. Die Straße ist als Weinstraße Siklós – Villány gekennzeichnet.

Wie wir am nächsten Tag erfahren werden: In der Gegend ist nicht nur der Boden besonders, sondern auch das Mikroklima äußerst günstig für den Wein – die Temperaturen liegen um 3 Grad höher als in der Umgebung. Für uns an diesem Tag: 37 Grad.


Ankunft in der Keller Gasse

Wir landen in einer der ersten Pince an der bekannten Villányer Keller-Gasse. „Pince“ bedeutet Keller – und eben auch Weinkeller. Entlang der zentralen Straße (Baross Gábor utca) haben viele Weinhandlungen ein kleines Lokal.

Wir machen es uns im Blum Pince gemütlich – erstmals werden wir zwei Nächte an einem Ort bleiben.



Ich bekomme ein traditionelles Gulasch – doch etwas anders als erwartet – und Gänsefettbrot zu unserem Wein serviert. Birgit wählt Lángos und Schokokuchen. Auch das Lángos ist anders als erwartet und erinnert eher an eine Quiche.

Zwei Nächte Pause. Der Körper freut sich, die Sinne auch beim ersten echten Villányer Tropfen.




Tag 11: Ruhetag -23m

Attila Gere und die Weinkultur von Villány

Die Geschichte der A. Gere Winery reicht sieben Generationen zurück. Attila Gere, ursprünglich Forstmann, kam 1977 durch seine spätere Frau Katalin in die Familie – und durch einen Portugieser seines Schwiegervaters zum Wein. Der Bierttrinker war so begeistert, dass er 1978 heiratete und mit dem Weinbau begann. Nach der kommunistischen Zeit gehörte er zu den ersten, die in den 1990er-Jahren die Familienbetriebe in Villány wieder aufbauten und auf Qualität statt Quantität setzten. 1991 gründete er die eigene Kellerei, 1994 wurde er ungarischer Winzer des Jahres. Gemeinsam mit anderen Pionieren hob er Villány auf internationales Niveau. Sein legendärer Kopar (seit 1997) – eine Bordeaux-Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot – wurde zum Aushängeschild der Region. Heute führt die nächste Generation (u. a. Tochter Andrea) das Weingut weiter, seit 2010 ökologisch - was uns sehr freut!


Unser Ruhetag

Vor der Reise dachte ich, dass nach zehn Tagen ein Ruhetag unbedingt notwendig ist – Gelenke, Hintern, allgemeine Anstrengung. Durch ein kleines Kommunikationsproblem ist dieser Ruhetag in Villány gelandet.

Einerseits haben wir uns an das tägliche Radeln gewöhnt und sind fit. Die Hitze ist unser größtes Thema – die letzten Tage waren immer 35 Grad und mehr Höchsttemperatur. Andererseits ist es perfekt, in Villány, in dieser entzückenden Weingegend, den Ruhetag zu verbringen.

Spätes Frühstück um 8:30 – ideal für einen freien Tag. Wir waschen unsere Wäsche und ich mache ein kleines Radservice und Testfahrt. Danach brechen wir zu einer kleinen Wanderung auf zum Turm von Villány mit schönem Ausblick. Aber um 10:30 Uhr ist es eigentlich schon zu heiß dafür.


Deshalb entscheiden wir uns um 14:30 Uhr für eine Weinverkostung bei A. Gere. Wir lassen uns Zeit bis 18:00 Uhr bei Beef Tartar, Entenleberpastete und einer edlen Schokolade.
















Historische Recherche am letzten Tag in Ungarn

Wir recherchieren ein wenig zur Geschichte: Wie war das mit Österreich-Ungarn und den Habsburgern? Wir sind in der Gegend, die Vojvodina heißt. Nach dem Ersten Weltkrieg hat Ungarn zwei Drittel seines Territoriums verloren und ein neues Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde geschaffen – das spätere Jugoslawien. Vojvodina wurde Teil dieses Staates. Das Burgenland wurde im "Frieden von Trianon" Österreich zugesprochen - aber wie war das genau mit Sopron?

Auch wenn es für uns die nächsten Tage nach Kroatien und Serbien geht, bleiben wir in „Großungarn“, wie wir einige Male hören werden. Viele Menschen in der Grenzregion sprechen ungarisch und auch kulinarisch ändert sich wenig. Tag 12: Hitze - 68km

Da es sehr heiß wird, haben wir uns zu einem frühen Aufbruch entschlossen. Ein kleines Frühstück und kleine Lunchpakete stehen bereit – unsere Gastgeber schlafen noch, als wir um 6:50 schon auf dem Rad sitzen. Gute Idee!


In Kroatien sind die Schilder wieder blau!
In Kroatien sind die Schilder wieder blau!

Wir verlassen die offizielle Nordroute des Amazon of Europe Bike Trails (diese wäre nach Osijek weitergegangen) und machen quasi einen Abschneider Richtung Mohács. Das sind erstmal zwei lange Geraden – eine sehr schöne Radstrecke – und wir sind am Iron Curtain Trail (EuroVelo 13). Dieser über 10.000 km lange Fernradweg folgt der ehemaligen Grenze des Eisernen Vorhangs vom Barentsmeer bis zum Schwarzen Meer und erinnert an die Teilung Europas im Kalten Krieg. Ein interessantes neues Projekt wäre, ihn mal komplett zu fahren (– nicht ernst gemeint, keine Sorge Birgit 😄).


Nach Mohács findest Du unsere nächste Route hier.





Üdvözöljük - was für ein Wort!
Üdvözöljük - was für ein Wort!















Wir wechseln nach Kroatien und in Duboševica machen wir die erste Kaffeepause – da haben wir schon 40 km geschafft. Erholsam. Aber als wir wieder auf die Räder steigen, trifft uns die Hitze stark. Wieder zwei lange Geraden, und die kroatischen Radwege sind anders zu fahren als wir aus Ungarn gewöhnt sind.


Siegerdenkmal „Julka“ und der erste Donaublick


Mit knapp 100 Höhenmetern geht’s zum Siegerdenkmal lokal „Julka“. Das Batina-Denkmal (Monument of the Battle of Batina) ist ein imposantes kommunistisches Siegesmonument aus dem Jahr 1947, geschaffen vom kroatischen Bildhauer Antun Augustinčić. Es erinnert an die blutige Schlacht im November 1944, bei der Rote Armee und jugoslawische Partisanen die deutsche und ungarische Verteidigung durchbrachen und die Befreiung der Baranja einleiteten. Die 26 Meter hohe Stele mit der siebensmeterhohen Siegesfigur „Pobjeda“ (lokal liebevoll „Julka“ genannt) thront auf dem Gradac-Plateau und bietet einen der spektakulärsten Ausblicke der Region.





Wir sind 550 km gefahren und der erste Donaublick tut sich auf – fantastisch! Ich sehe Serbien, Ungarn und Kroatien und von oben die Donau. Birgit kann das nicht genießen: Sie muss erstmal raus aus der Hitze und sich eine halbe Stunde erholen. Dann kann auch sie die Umgebung wahrnehmen.












Gott sei Dank ist es nicht mehr weit und geht bergab. Unser GPS-Track schlägt einen etwas wilden Weg dafür vor, den ich genial finde – Birgit schiebt. Dann folgen wir der Straße, die von der serbischen Grenze kommt – wieder eine lange Gerade mit LKW. Die Donau ist von einem hohen Damm verdeckt.



Ankunft und Hitze-Schock

Jetzt kann Birgit wieder lachen!
Jetzt kann Birgit wieder lachen!

Rasch finden wir unsere Unterkunft in Baranjski Dvori. Als wir bei versperrter Tür läuten, erlebt Birgit ihren stärksten Hitzemoment der Reise – ein unglaublicher Schweißausbruch, und die 15 Sekunden bis wir rein dürfen fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Noch bevor wir ins Zimmer und zur Dusche gehen, werden wir mit 2 Liter Orangenwasser versorgt. Wir sehen vermutlich ziemlich abgekämpft aus.

Das Restaurant 500 m weiter hat eine Hochzeit. Als unsere Gastgeberin meint, wir sollen noch 2 km weiter fahren, schauen wir uns verdutzt und so bemitleidenswert an, dass sie anbietet, das, was sie zum Mittag gegessen hat, für uns aufzuwärmen: gefüllte Paprika mit Kartoffelpüree – unglaublich gute Hausmannskost. Auch der Wein mit dem für die Gegend typischen Sodawasser schmeckt im gemütlichen Speisezimmer gut dazu.


Fazit Tag 12

Wir haben zwar 99 % Asphalt, aber mit Gegenwind, 36 Grad und den Höhenmetern fühlt es sich mindestens doppelt so viel an. Wir fallen ins Bett.

Ein Tag der reinen Hitze-Erfahrung: Früher Start, das imposante Julka-Denkmal mit dem ersten Donaublick über drei Länder, wilder GPS-Weg, Schweißausbruch vor der Tür und rettende gefüllte Paprika.


Tag 13 – Der erste Tag in Serbien -20km

Nach einer Schüttelübung (besser schütteln als dehnen, sagt ein Kollege von mir gerne) und einem großzügigen Frühstück machen wir uns zur Grenze nach Serbien auf. Heute warten Gott sei Dank nur 20 km auf uns.


Grenze und erster Eindruck Serbien








Grenzkontrolle ohne Probleme. Wir radeln über die Donau, die die Grenze bildet und an dieser Stelle sicher 300 m breit ist. Auf serbischer Seite fallen uns die unzähligen Kanäle und Flussverzweigungen auf. In Bezdan haben wir eine Kanutour gebucht und wollen rasch in unser Zimmer und weiter.



Čarda Šebešfok ist wunderschön gelegen – direkt an einem angelegten Kanal Wasser. Viele Serben haben ein Haus an diesem Kanal und angeln gerne. Trotz der minderne Wasserqualität. Es gibt ein Problem mit unserem Zimmer, es ist nicht bezahlt. Unser Gastgeber spricht aber kein Deutsch oder Englisch. Mit der Übersetzungs-App lässt es sich ein wenig klären. Wir versprechen auf jeden Fall zu bezahlen, dann dürfen wir in unser Zimmer. Wir informieren Gabor über das Problem und machen uns auf zur Kanutour nach Bezdan und treffen István.


Kajak Klub Dunav













István erzählt uns nicht ohne Stolz von den Erfolgen des Kajakaški Klub Dunav aus Bezdan. Der Club ist einer der erfolgreichsten Kajaksportvereine Serbiens, vor allem im Nachwuchsbereich. Jahr für Jahr dominieren sie die serbischen Meisterschaften, stellen zahlreiche Nationalkader-Athleten und haben schon mehrmals Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer hervorgebracht (u. a. bei den Spielen in London 2012). Die Familie Panda und die Trainerarbeit haben den kleinen Ort Bezdan zu einem echten Kajak-Talenteschmiede gemacht.

Während der 90 Minuten, die er uns durch den Kanal führt, sehen wir Wasserhühner, Amur-Muscheln (eine aus Asien eingeschleppte Art), Kormorane, Enten und viele Seerosen. Es ist ein toller und ganz anderer Blick vom Wasser aus.


Der Große Batschka-Kanal (DTD-System)

Das Kanalsystem wurde von Juni 1793 bis 1801 durch 3000 Arbeiter händisch angelegt und erhielt als seinerzeit größter schiffbarer Kanal des Königreichs Ungarn seinen Namen nach dem König Franz I. (Franzenskanal / Ferenc-csatorna). Die Brüder József und Gábor Kiss entwarfen und leiteten den Bau dieses rund 110 km langen Kanals, der Donau und Theiß verbindet. Er war eines der größten hydrotechnischen Bauwerke seiner Zeit und bildet heute den historischen Kern des großen Donau-Theiß-Donau-Kanalsystems (DTD). Mit Schleusen, Brücken und der Entwässerung der Batschka-Sümpfe hat er die Region wirtschaftlich und landschaftlich völlig verändert - zum Positiven. Bei einem kleinen Café nach dem Bootstrip beobachten wir drei Hunde, die so stark die Autos jagen, dass diese abbremsen müssen. In Serbien und Kroatien werden wir noch oft mit freilaufenden Hunden konfrontiert – die meisten sind harmlos, manchmal jagen sie uns aber schon einen Schrecken ein, wenn sie plötzlich laut losbellen.


Abendessen


Als wir zurückkommen, hat sich das mit dem Zimmer geklärt, Gabor hat jemanden organisiert, der das Geld vorbeigebracht hat. Wir nehmen auf der Terrasse Platz und beobachten, wie viele Gäste einen Kessel bekommen. Wir finden heraus, dass es sich um Fiš Paprikas handelt.


Rezept Fiš Paprikas (slawonische Spezialität)

3–4 große Zwiebeln fein hacken und glasig anbraten. 2 EL süße Paprika, 1 EL scharfe Paprika und Tomatenmark kurz mitrösten, mit Wasser ablöschen. Aufkochen lassen, die in große Stücke geschnittenen Fische dazugeben (2 kg gemischte Süßwasserfische - vor allem Karpfen, Zander, Wels) und ca. 45 Minuten auf mittlerer Hitze garen (nicht umrühren, sondern den Topf nur schwenken). Zum Schluss Weißwein und Salz abschmecken.













Wir bestellen das ebenfalls. Das Fischgulasch ist nur wenig scharf und wird mit Brot und Nudeln serviert. Es schmeckt hervorragend, nur auf die Gräten müssen wir besonders aufpassen. Es bleibt Platz für die erste Dobostorte der Reise.


Nach einem Spaziergang am Kanal landen wir hinter dem Haus beim Koch unseres schmackhaften Abendessens am Feuer. Er heißt Davor, lebt im Wald, hat schon viel von der Welt gesehen, spricht auch gut Englisch und schimpft ein wenig über Serbien – alles korrupt und kaputt, die Kroaten auf der anderen Seite der Donau machen es z. B. mit dem Tourismus besser.


Der Tag hat uns die serbische Batschka von der Wasserseite, der Geschmacksseite und der menschlichen Seite gezeigt.


Tag 14: Sombor - 32km

Das Frühstück gibt es erst um 9. Daher radeln wir davor zur Grenze zu dem Denkmal auf der serbischen Seite – István hat uns das empfohlen. Wir sehen von der serbischen Seite auf die „Julka“ in Kroatien – für beide Seiten ein wichtiges Symbol für Freiheit und die gemeinsame Geschichte der Befreiung 1944. Zurück bekommen wir ein echt deftiges Frühstück. So gestärkt radeln wir nach Sombor – mittlerweile auf der Südroute des Amazon of Europe Bike Trails.


Sombor

Sombor ist das kulturelle und administrative Zentrum der Westbačka in der Vojvodina und gilt als eine der grünsten und elegantesten Städte Serbiens. 1749 verlieh Kaiserin Maria Theresia dem Ort den Status einer freien königlichen Stadt, was einen raschen architektonischen und kulturellen Aufschwung auslöste und Sombor lange Zeit zur Hauptstadt der gesamten Bačka machte. Mit seinem barocken und klassizistischen Zentrum, der berühmten Fiaker-Tradition und dem multiethnischen Erbe (Serben, Ungarn, Kroaten und andere) verkörpert die Stadt bis heute den weltoffenen Geist der Vojvodina.


Da unser Zimmer noch nicht fertig ist, verbringen wir die Zeit mit Eis essen (Geschmacksrichtung Harmonie) und beobachten ein Brautpaar beim Fotoshooting.



Sombor ist großzügig angelegt mit breiten Straßen und großen Plätzen – und auch fürs Radfahren ist ausreichend Platz. Schon vom Stadtrand bis ins Zentrum begleiten uns eigene Alleen neben der Hauptstraße an einem breiten Radweg – und das nicht nur an einer Straße! Da könnte sich Graz etwas abschauen!

Wir gehen beim „Fiaker“ essen. Das Restaurant Fijaker ist eine tolle Attraktion für jeden der Sombor zum ersten Mal besuchen kommt.

Birgit schläft um 19:45 ein – da scheint Erholung notwendig zu sein 😊


Tag 15 : An, in und auf der Donau - 30km


Um 7:00 starten wir mit Frühstück im Hotel Andrić – das ist deutlich über dem Durchschnitt und liefert den "besten Automatenkaffee" (Zitat Birgit) danke der frischen Milch.




















In Sombor geleitet uns ein Radweg über viele Kilometer durchgehend als Allee hinaus. Unglaublich, was da möglich ist! Breite, schattige Alleen, eigene Radwege und der Amazon-of-Europe-Trail prominent und klar beschildert. Da könnte sich so manch andere Stadt eine Scheibe abschneiden.


Erster Stopp und Qigong

Unser erster Stopp an einem stillen Seitenarm der Donau. Ein wunderbarer Blick über das ruhige Wasser, und der alte Steg inspiriert uns zur harmonisierenden Qigong-Übung „Vorwärts gehend harmonisieren“. Wir atmen, schwingen und spüren, wie die Bewegungen den Körper wieder in Einklang bringen.


Wir können den Kellner überreden, unsere letzten ungarischen Forint zu nehmen – das bedeutet für ihn ein sattes Trinkgeld, aber wir können die Scheine sowieso nicht mehr brauchen.


Abstecher ins Naturschutzgebiet

Im Naturschutzgebiet machen wir einen Abstecher Richtung Donau – nur einen Kilometer, aber er lohnt sich ungemein. Hier beginnt der serbische Teil des großen Fluss-Ökosystems, das später in das berühmte Gornje Podunavlje übergeht: Weite Auen, alte Weiden, Schilfgürtel und das Gefühl, mitten in einer unberührten Flusslandschaft zu stehen.

Dieses Spezialnaturreservat „Oberes Podunavlje“ ist eines der größten und am besten erhaltenen Auen- und Feuchtgebiete an der Donau in Serbien. Es umfasst rund 19.650 Hektar mit Auwäldern, Mooren, Altwässern, Schilfgürteln und Flussinseln. Das Gebiet gilt als wichtiger Lebensraum für Weißschwanzadler, Schwarzstörche, zahlreiche Wasservögel und seltene Fischarten und gehört zu den wertvollsten Feuchtgebieten Südosteuropas.

Dort lernen wir eine „Schweizer Einheimische“ kennen. Sie erzählt uns eine sehr persönliche Geschichte, wie sie zu dem Haus im serbischen Naturschutzgebiet gekommen ist – ein bisschen Zufall, ein bisschen Mut und viel Liebe zur Natur. Wir sitzen eine Weile und hören zu.

Auch mit ihrem Hund verstehen wir uns auf Anhieb gut. Der freche, anhängliche Vierbeiner will unbedingt dabei sein, als wir uns entschließen, das erste Mal in der Donau zu schwimmen. Er hopst am Ufer herum und bellt freudig.

So erfrischt und mit nassen Haaren geht es weiter Richtung Apatin.


Apatin und der heiße Nachmittag

In unserer Unterkunft bei der Marina Apatin angekommen, folgt unser übliches Ritual: Radwäsche waschen, auswringen und aufhängen, uns selbst waschen, kurze Rast. Dann mit normaler Kleidung ins Zentrum von Apatin.

Im Zentrum ist erstaunlich wenig los. Das dürfte an den immer noch sehr hohen Temperaturen jenseits der 35 Grad liegen – da bleibt man lieber drinnen oder im Schatten. Gut, dass wir heute nur 30 km radeln mussten. Wir finden eine köstliche Pizza Frutti di Mare und kaufen noch ein paar Kleinigkeiten für den Abend ein.


Bootstour mit dem Fischer und seinem Sohn
















Bevor wir den Abend bei einem Glas Wein auf unserem Balkon mit Blick auf einen Seitenarm der Donau und die Marina ausklingen lassen, erwartet uns noch das Highlight des Tages: eine Bootstour mit einem Fischer.

Er bringt seinen Sohn als Übersetzer mit. Die beiden schippern mit uns die Donau erst flussaufwärts und dann wieder hinunter – zwei volle Stunden. Der Vater steuert mit ruhiger Hand, der Sohn übersetzt und bemüht sich mit seinem Englisch.

Mit sichtlichem Stolz zeigt er uns die Werft von Apatin und die Brauerei, in der das örtliche Jelen-Bier hergestellt wird. Wir hatten den Bierduft schon im Zentrum gerochen – jetzt wissen wir, woher er kommt.

Er erzählt von den Wasserständen: Dieses Jahr ist die Donau extrem niedrig. Letztes Jahr stand sie zu dieser Zeit vier Meter höher. Trotzdem ist der Fluss an manchen Stellen hier unglaubliche 30 Meter tief. Er zeigt uns die Strömungen und Verwirbelungen und warnt eindringlich, wie gefährlich es ist, hier zu schwimmen. Reiseführer und Schilder vor Ort warnen regelmäßig vor besonders tückischen Stellen – und nach dieser Tour verstehen wir warum.


Auf den großen Sandbänken entlang der Donau sammeln sich in der Abenddämmerung unzählige Vögel: Reiher, Kormorane, Möwen und noch viele andere, die wir nicht alle bestimmen können. Sie nutzen die letzten warmen Sonnenstrahlen, bevor die Nacht kommt.



Balkon und Abend

Zum Sonnenuntergang kehren wir zurück zu unserem Balkon. Die Temperaturen werden endlich angenehmer. Wir sitzen mit einem Glas Wein, blicken auf den Seitenarm und die Marina und lassen den Tag nachklingen – die Alleen von Sombor, das erste Donauschwimmen mit dem eifrigen Hund, die persönliche Geschichte der Schweizerin, die Pizza in der Hitze und vor allem die zwei Stunden auf dem Wasser mit dem Fischer und seinem Sohn.


Tag 16: Rückblick im Sonnenuntergang - 44km

Ich bin mutig und beginne den Tag mit einem echten Fisherman’s Breakfast. Birgit nimmt das klassische Frühstück. Und wir werden freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, dass in unserer Übernachtung genau ein Getränk inkludiert ist – Tee oder Kaffee oder Saft. Mehr geht nicht.

Ich bekomme eingelegten Fisch, einen würzigen Fischaufstrich und dazu eine Unmenge an rohen Zwiebelringen. Birgit schaut mich an und lacht. Ich esse tapfer und denke: „Wenn das der Start in den Tag ist, dann wird es ein echter Fisherman-Tag.“


Raus aus Apatin und die holprige Herausforderung


Aus Apatin raus geht es zwar mit einem schönen Blick von oben auf die Donau, aber sehr bald auf eine äußerst holprige Piste. Eine echte Herausforderung für Bandscheiben, Handgelenke und die Federung der Bikes. Jeder Schlag geht durch den ganzen Körper. Für die Bandscheiben hilft in solchen Momenten das Kranich-Qigong am besten: Die fließenden, federnden Bewegungen des Kranichs lockern den Rücken und machen den Körper wieder elastisch. Die Wellenbewegungen durch die Wirbelsäule und sanften Drehungen sind eine Wohltat.







Pflichtstopp am Zusammenfluss

Der Abstecher zum Zusammenfluss von Drau und Donau ist ein absoluter Pflichtstopp – und landschaftlich sehr empfehlenswert. Hier treffen sich zwei große Flüsse und bilden eine der beeindruckendsten Stellen des Amazon of Europe. Wir stehen eine Weile und schauen.

Wir entdecken Adler, die majestätisch kreisen, Kormorane, die auf Baumstümpfen sitzen, Falken, die jagen, und Schwalben, die uns am Radweg begleiten. In den Wäldern sind Hirsche zu hören – ihr Röhren hallt leise durch die Auen. Die Natur ist hier noch wild und lebendig.












Dann folgen wieder 7 km holpriges Terrain, bis wir Serbien verlassen und uns Richtung Erdut in Kroatien aufmachen. Das sind nur wenige Höhenmeter, und Hitze und Gegenwind sind wir mittlerweile gewohnt (naja…).









Ankunft im Weingarten

Wir finden unsere gebuchte Unterkunft in Erdut sofort – aber da ist niemand! Im Café gegenüber ist der Vermieter bekannt und wird auch gleich angerufen. Wir sollen noch 3 km weiter fahren zu seinem Weingut. Was uns erst gar nicht so freut, zahlt sich dann aber richtig aus.

Wir bekommen ein eigenes Apartment-Haus mitten im Weingarten. Nach dem Abladen fahre ich die 3 km zurück zum Ort, um einzukaufen, da wir kein Abendessen und Frühstück gebucht haben. Es ist das einzige Mal auf der gesamten Reise, dass wir uns trennen – ganze 20 Minuten lang 😊.

Wir genießen eine kleine Jause mit Blick auf den Weingarten und spüren, wie der Körper nach dem holprigen Tag zur Ruhe kommt.





Weinverkostung und der Blick der Blicke

Abends wartet die Weinverkostung auf uns. Ivo Brzica hat auch Fingerfood vorbereitet. Mit fünf Weinproben, Wurst, Käse, Trauben, Brot und Gurkerl genießen wir den wohl fantastischsten Blick der gesamten Reise.



100 Meter über der Donau, mit Seitenarmen, die in den großen Fluss münden. Wir erkennen in der Ferne den spitzen Berg von Villány und Harkány. Wir sehen die Statue bei Batina (unsere „Julka“). Wir entdecken die Brauerei von Apatin, die Hochhäuser von Sombor und die Berge vor Bezdan.

Im Prinzip „überblicken“ wir in diesem Moment unsere Reise der letzten sieben Tage. Hier, hoch über dem Fluss, spüren wir, was wir erlebt haben: die Weinberge von Villány, die Therme von Harkány, den Teufelsberg, die Hitze der Dämme, die Kanäle von Bezdan, die Julka, die erste Donau-Bootstour, das Naturschutzgebiet und die holprigen serbischen Pisten. Alles liegt vor uns wie in einem riesigen, lebendigen Panorama.




Die Sonne sinkt langsam und taucht die Landschaft in goldenes Licht. Es ist einer jener seltenen Momente, in denen man spürt: Wir sind nicht nur durch diese Landschaft geradelt – wir sind Teil davon geworden. 691 Radkilometer lang hat es gedauert, uns hierher zu bringen.







Ein Wein mit der Aufschrift „1378“ fällt besonders auf. Kannst Du erraten, welche Kilometer-Angabe sich dahinter verbirgt?


Es wird uns bewusst, dass nun unsere Rückreise beginnt. Ab morgen geht es wieder Richtung Heimat – 13 Tage lang. Oder sollen wir doch die Donau entlang weiter bis zur Mündung fahren? (Wie weit das wohl ist? ...Ein anderes Mal vielleicht…)



Der Abend klingt aus



Wir genießen das Ganze sehr, lassen die letzten Tage Revue passieren und spüren Dankbarkeit. Der Wein, das Essen, der unglaubliche Blick und die Stille des Weingartens machen diesen Abend zu einem der emotionalsten der ganzen Tour.

Die Sonne geht unter, die Donau glitzert weit unten, und wir sitzen mitten im Weinberg, 100 Meter über dem Fluss, und wissen: Das war einer der großen Tage.


Wie es uns auf der Rückreise ergeht erfährst du im 2. Teil: Tag 17 bis 29.



 
 
 

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