Teil 2: Unterwegs am europäischen Amazonas - Tag 17 bis 29: Südroute und Heimfahrt
Aktualisiert: 28. Sep.
4 Wochen entlang von Mur, Drau und Donau -
durch 5 Länder und mit der besten Ehefrau der Welt

In 16 Tagen sind wir von Graz nach ins steirische Mureck zum Start des "Amazon of Europe Bike Trails" gefahren, sind von dort über Slowenien, Ungarn, Kroatien und Serbien geradelt – entlang von Mur, Drau und Donau - 691km lang bis nach Erdut.
Wir erlebten Baby-Biber und schwimmende Mühlen, die Hitze der Dämme, Weinberge und Thermen, den Teufelsberg von Harkány, den Zusammenfluss von Mur und Drau, holprige Schotterpisten, Kanutouren und den ersten Blick auf die Donau.
Wir badeten, qigongten, aßen Fiš Paprikas und Dobostorte, verloren Handtücher, fanden Weinkeller und freilaufende Hunde. Wir sahen Julka von beiden Seiten, schwammen in der Donau und überblickten am Abend in Erdut die letzten sieben Tage dieser Reise in 100 Metern über der Donau.
Den ersten Teil dieses Abenteuers kannst du hier nachlesen.
Jetzt beginnt die Rückreise. 13 Tage Richtung Heimat.
den ungefähren Streckenverlauf kannst du dir hier ansehen
Tag 17: Beginn der Rückfahrt an der Südrout des AoE - Amazon of Europe - 31km
Wir bekommen ein Frühstück im Wein-Proberaum serviert von Ivo. Gerne nehmen wir auch zwei Flaschen Wein von diesem ausgezeichneten, kleinen Weingut mit.
Zusammenfluss Donau/Drau und Kopački Rit

Heute besuchen wir wieder den Zusammenfluss von Drau und Donau – dieses Mal von kroatischer Seite.

Es ist ein tolles Wohngebiet, aber überall ist deutlich sichtbar, wie wenig Wasser die Donau führt: Stege verlaufen viele Meter vom Ufer entfernt einfach ins Leere.
Wir sind also im Nature Park Kopački Rit. Dieses rund 23.000 Hektar große Feuchtgebiet am Zusammenfluss von Drau und Donau gehört zu den größten und am besten erhaltenen Auenlandschaften Mitteleuropas. Es ist ein wichtiger Lebensraum für über 290 Vogelarten (darunter Weißschwanzadler und Schwarzstorch), unzählige Fische und gilt als „Herz des Donau-Gebiets“ und Teil des UNESCO-Biosphärenreservats Mura-Drava-Donau.


Wir nutzen die Kraft der zwei Flüsse für Qigong- und Taiji-Übungen. Danach sind wir wieder 10 km lang auf einer Rumpelpiste – unsere Handgelenke und der Rücken haben sich schon an die Herausforderungen gewöhnt. Wir fügen mehrere kleine und einen längeren Stopp ein zum Schwimmen in der Drau.


Ankunft in Osijek

Unsere Tagesetappe führt uns nach Osijek, wo wir im historischen Zentrum das kleine und sehr feine Hotel Maksimilian beziehen. Zuallererst müssen wir dort versprechen, beim Frühstück Eier zu bestellen 😊


Nach einer kurzen Pause im Garten folgt ein Rundgang durch dieses alte Zentrum.
Die Altstadt bzw. Festung Tvrđa ist die am besten erhaltene barocke Festungsanlage Kroatiens und gilt als eines der bedeutendsten Beispiele barocker Militär- und Stadtarchitektur in Mitteleuropa. Im 18. Jahrhundert als Habsburger Sternfort an der Drau errichtet, beherbergt sie heute Kirchen, Museen, Schulen und zahlreiche Cafés und Bars.
Es ist dort nicht viel los – nicht nur wegen der Hitze. Das Leben spielt sich mehr auf der anderen Drau-Seite an der „Copacabana“ statt und flussaufwärts im modernen Zentrum an der Drau mit mehreren Restaurants und Cafés direkt an der Drau-Promenade. Hier pulsiert das moderne Osijek: Lange Uferpromenade, Cafés mit Blick auf den Fluss und abends ein ganz anderes Flair als in der stillen Tvrđa.
Restaurant Projekt 9


Nach einer kurzen Pause im Zimmer gehen wir los. Wir denken, dass es uns gut tut, einmal nicht am Rad zu sitzen – aber für die 1,5 km zum Restaurant Projekt 9 hätten wir dann doch lieber die Räder genommen.
Das Restaurant Projekt 9 befindet sich auf einem Schiff in der Drau und bietet einen wunderbaren Blick aufs Wasser. Hoch über uns der Damm. Es gilt als eines der schönsten Locations in Osijek und kombiniert moderne und traditionelle Küche mit dem besonderen Flair, direkt auf dem Fluss zu speisen.
Es werden uns dort ausgezeichnete Nudeln mit Tintenfisch und Frühlingsrollen serviert.

Der Abend
Wir sitzen auf dem Schiff, blicken auf die Drau und spüren: Die Rückreise hat offiziell begonnen. Wir haben den Zusammenfluss von beiden Seiten gesehen und werden nun lange zeit an der Drau sein. Wir haben
Osijek mit seiner stillen Tvrđa und der lebendigen Drau-Promenade erlebt.
Ein schöner Start in die Heimfahrt.
Tag 18: Kein Ruhetag - 32km
Eigentlich ist ein Ruhetag eingeplant. Vor der Reise dachte ich, das wird nach fast drei Wochen Radeln unbedingt nötig sein. Aber wir sind erstaunlich fit und beschließen, einen Ausflug ins Besucherzentrum von Kopački Rit zu machen. Manchmal ist der beste Ruhetag der, an dem man trotzdem rausgeht.
Frühstück und „Dobro jutro“
Wir begrüßen die Köchin beim Frühstück mit „Dobro jutro“ – mittlerweile schon recht routiniert. Es klingt so echt, dass das Gespräch sofort auf Kroatisch weitergeführt wird. Leider verstehen wir davon kein Wort. Das wird uns in weiterer Folge noch ein paar Mal passieren: Unsere Gesprächspartner glauben ernsthaft, wir könnten Kroatisch, und plappern munter weiter.
Wir lassen uns Zeit beim Frühstück und bestellen Spiegeleier. Und ich bestehe darauf, die Räder mit einem kleinen Service zu verwöhnen. Vor allem meine Schaltung hat das dringend nötig – sie hat in den letzten Tagen gerne mal „verweigert“. Nach Öl, Justierung und ein paar liebevollen Handgriffen läuft es spürbar besser, als wir Richtung Naturpark fahren.
Bootstour durch das Binnendelta

Wir kommen um 9:45 Uhr am Besucherzentrum an und erfahren, dass um 10:00 Uhr ein Schiff ablegt, das den Naturpark vom Wasser aus erkundet. Was für ein Glück!
So erleben wir ein einzigartiges Binnendelta im Bereich, wo die Drau in die Donau fließt – jenes seltene „innere Delta“, das Helmut Grosina in seinem Buch Drei Staaten – eine Region. Zwei Flüsse und ein Binnendelta so treffend beschreibt. Hier formen Donau und Drau gemeinsam eines der größten und am besten erhaltenen Feuchtgebiete Mitteleuropas.
Die Bootstour führt uns durch den speziellen zoologischen Reservatsteil. Unglaublich viele Vögel sind zu sehen. Birgit entdeckt im Wasser plötzlich eine Schlange, die gemächlich durchs flache Wasser gleitet, und am Ufer ist ein Schakal gar nicht scheu – er steht einfach da, schaut uns neugierig an und trottet dann unbeeindruckt weiter in den Schilfgürtel.


Nach der Bootstour verbringen wir eine Weile im schattigen Café Lopoč und spazieren auf den nett angelegten Wegen und Holzstegen (der „White Water-Lily Boardwalk“) durch dieses faszinierende Gebiet. Die Stege führen mitten durch die Auen und geben einen wunderbaren Einblick in diese lebendige Wasserwelt.
Schwimmen und Abendessen
Am Rückweg machen wir noch einen Stopp an der „Copacabana“ von Osijek und nutzen die Kraft der Drau wieder einmal als Gegenstromanlage. Das Wasser ist angenehm und der Ausgleich nach der Bootstour perfekt.


Nach einem kurzen Stopp im Hotel zum Kleidungswechsel schwingen wir uns nochmals aufs Rad und fahren zum Restaurant Kompa – einem gemütlichen Familienrestaurant direkt an der Drau mit schöner Terrasse. Dort gönnen wir uns ein Gypsy-Schnitzel und Calamares vom Grill. Satt, zufrieden und mit dem Gefühl, einen „Ruhetag“ der besonderen Art erlebt zu haben, rollen wir zurück ins Hotel Maksimilian. Manchmal ist der beste Ruhetag der, an dem man trotzdem in Bewegung bleibt.
Tag 19: Tempo, Industrie und privater Pool - 40km

Wieder genießen wir das sehr persönliche Frühstück im Hotel Maksimilian. Fast 20 km lang folgen wir einem Radweg aus Osijek raus, nachdem wir im Zentrum unser Bargeld und Zahnpaste-Vorräte aufgestockt haben. Zwar neben der Straße, aber ein durchgehender, eigener, breiter Radweg entlang einer Hauptausfahrtsstraße. Das ist immer wieder beeindruckend, wenn man die Radweg-Situation in so mancher österreichischen Stadt kennt, die oft ein Flickwerk aus einzelnen Abschnitten darstellt.
Lieber ist uns dann aber wieder die Nebenstraße mit kleinem Radweg. Die Technik, Beinen und Gesäß zu entlasten ist perfektioniert 😊. Wir sind folglich viel zu schnell unterwegs – wenn das so weitergeht, sind wir noch vor dem Mittagessen am Ziel.
Also machen wir zwei ausführliche Café-Stopps, unter anderem in Valpovo, das eine große und verführerische Fußgängerzone hat.
Die Legende von der Weißen Dame von Valpovo

Die berühmte Legende der Weißen Dame (kroatisch bijela gospoda oder valpovačka sablast) ist eng mit dem Schloss Prandau-Normann in Valpovo verbunden.
Im Jahr 1838 war der kaiserliche Rittmeister Kuschmann (auch Kušlan genannt) als Gast im Schloss des Barons Gustav Prandau. Er war krank und suchte Heilung in den Eisenquellen der Gegend. In den Nächten erschien ihm der Geist einer jungen Frau in weißem Gewand. Sie erzählte ihm, sie sei vor hundert Jahren ermordet worden und ihr Leichnam sei zwischen dem Eiskeller und der Schlosskapelle versteckt worden – mit dem Kopf nach unten.
Die Weiße Dame erklärte, sie könne erst zur Ruhe kommen, wenn ihre sterblichen Überreste ausgegraben und in geweihter Erde bestattet würden. Nur dann würde auch der kranke Offizier wieder genesen (und angeblich sollte man auch ein verstecktes Schatz finden).
Baron Prandau glaubte dem kranken Gast zunächst nicht und hielt die Erscheinung für eine Halluzination. Doch Kuschmann blieb hartnäckig. Schließlich ließ der Baron an der beschriebenen Stelle graben – und man fand tatsächlich das Skelett einer Frau.
Viele glauben, es handele sich um die mutige Katarina, die bei der Verteidigung der alten Valpovo-Festung gegen die Türken im 16. Jahrhundert eine heroische Rolle gespielt haben soll.
Nachdem die Gebeine anständig bestattet worden waren, verschwand der Geist für immer. Rittmeister Kuschmann genas vollständig.
Belišće und die Industrie
Irgendwie wären wir gerne hier für Nächtigung und Essen geblieben, aber wir sollen weiter nach Belišće ins Hotel „Industrial“. Das klingt nicht so verführerisch. Tatsächlich wird der Ortsteil, in dem wir landen, von einem großen Industriegelände geprägt. Belišće entstand 1884 rund um
die Sägemühle der Familie Gutmann und entwickelte sich rasch zu einer klassischen Industriekolonie mit Fabriken, Arbeiterwohnungen und eigener Infrastruktur. Über Jahrzehnte war der Ort ein bedeutendes Zentrum der Holz- und später der Papier- und Verpackungsindustrie – der Kombinat Belišće gehörte zu den größten seiner Art in Jugoslawien und produzierte Zellstoff, Papier und Kartonagen für den Export. Auch heute noch prägen große Industrieanlagen das Stadtbild und geben dem Ort seinen charakteristischen, etwas rauen Charme. Die vormaligen Arbeiterwohnungen sind teils verfallen, teils sehr hübsch renoviert und mit großen Plätzen verbunden, an denen sich auffällig viele Restaurant tummeln.

Das Hotel „Industrial“ ist modern, sauber und voll in Ordnung. Wir essen erst mal und wollen uns zum Vorort Bistrinci aufmachen, der direkt an der Drau liegt und auch auf unserer morgigen Strecke.

Privater Pool an der Drau
Dorthin zu gelangen ist gar nicht so leicht. Unsere Orientierung ist zwar ganz gut, aber viele mögliche Wege werden uns von Zäunen, die das Industriegelände begrenzen, unmöglich gemacht. Schließlich fahren wir über den Hauptweg und finden einen sehr schönen Platz an der Drau, die uns mit einem großen „Privatpool“ verwöhnt: Eine Sandbank hat einen sehr großen, ruhigen Bereich geschaffen, den wir zum Schwimmen nutzen können. Das Wasser ist angenehm, und wir haben das Gefühl, einen privaten Badeplatz ganz für uns zu haben.
Abend und Ausblick auf morgen
Abends genießen wir ein Eis und das für die Region sehr typische Spiel von Wasser und Licht am Springbrunnen.
Wir sind ein wenig nervös, da morgen wieder eine 70 km lange heiße Etappe auf uns wartet – mit teils unbekanntem Untergrund und am Zielort kein Essen, das auf uns wartet.
Tag 20: lang und falsch - 70km
Wir starten um 7:00 Uhr mit einem „Industrial-Frühstück“, das uns in einer Kantine angeboten wird. Alles steht schon bereit – Brot, Aufstriche, Wurst, Käse – und nach ein paar Minuten taucht die freundliche Köchin auf und fragt, wie wir unsere Eier gerne hätten. Wir sind positiv überrascht. Wir essen zügig und machen uns so früh wie möglich auf – ein langer Tag wartet auf uns.
Der Weg der Herausforderungen
Den guten Weg raus aus Belišće kennen wir ja schon von gestern. Danach geht es rasch auf eine Rumpelpiste. Zwei Kilometer später wird der Untergrund sandig und wir müssen schieben.


Toll! Die Räder sinken ein und der Gedanke „Wenn das so weitergeht, kommen wir heute nicht mehr an“ schleicht sich unweigerlich ein. Der Weg wird nich besser.
Es wird heiß, der Tag bietet wenige Möglichkeiten für Stopps und Erholung. Als wir halbwegs weiterfahren können, folgen drei sehr lange Geraden in der prallen Sonne, durch gering entwickelte Dörfer mit verfallenen Häusern und wenig Schatten. Die Landschaft wirkt menschenleer, die Hitze drückt.
Ivanovo und die verpasste Abzweigung
Wir freuen uns auf Ivanovo, eine etwas größere Stadt – aber auch das ist alles Baustelle. Wir müssen über Schotter fahren, und durch die Baustelle sind einige Schilder abhandengekommen. So versäumen wir eine wichtige Abzweigung.

Es wird uns langsam bewusst, dass wir irgendwie in die falsche Richtung fahren. Der Weg von Mureck entlang der Südroute bis Osijek ist ganz gut beschildert – wir fahren aber in die Gegenrichtung, und da ist oft nichts zu sehen. Erst nach der Abzweigung merken wir, ob wir richtig sind. Ab sofort drehen wir uns bei jeder Kreuzung um auf der Suche nach relevanten Schildern. Ob das gut für die Halswirbelsäule ist?
Donji Miholjac und die ewigen Geraden

In Donji Miholjac – wir sind ganz nah bei Harkány und überlegen nur ganz kurz, nach Ungarn zu radeln – finden wir auch kein Café. Dafür einen gemütlichen Park und ein kleines Geschäft, in dem wir für unser Abendessen etwas mitnehmen. Ich bin vorsichtig, damit es nicht wieder so scharf wird (wir sind zwar nicht mehr in Ungarn, aber wer weiß?).
Es folgen wieder drei seeeehr lange Geraden mit vielen verfallenen Häusern. Die Sonne brennt, der Wind steht still, und wir fühlen uns, als würden wir ewig geradeaus fahren.
Dann taucht plötzlich doch ein Café auf. Die haben zwar nicht das übliche Mineralwasser, aber zwei Kaffees und ein Wasser mit Orangengeschmack, das wir uns rasch runterstürzen. Kleine Freuden retten den Tag.
Sturm und Entscheidung

Endlich führt unser Weg Richtung Drau (juhu!), da zieht ein Sturm auf. Der Himmel verdunkelt sich, der Wind frischt auf. Kurz nachdem wir die Räder abgestellt haben, kracht 100 Meter hinter uns ein Baum auf die Fahrbahn.

Wir haben zwar einen tollen Platz am Wasser, aber ein ungutes Gefühl. Also wird es nur ein Mini-Stopp ohne Baden. Wir sehen, dass wir den Wald rasch hinter uns lassen müssen – zurück können wir eh nicht mehr. Wir finden wieder eine Straße, aber als der dritte LKW knapp an mir vorbeirast, bin ich nicht sicher, was sicherer ist: Wald mit Sturmböen oder diese Straße. Wir entscheiden uns doch wieder für die Rumpelpiste durch den Wald. Noch 15 km.

Die letzte Etappe und Ankunft


Als wir den Wald wieder verlassen sind wir kurz wieder auf der Straße, doch dann finden wir einen neu angelegten Radweg, der rasch wieder endet – und zwar mitten in einer Bar! Der "Radweg" führt tatsächlich eng zwischen Hausmauer und den sitzenden Gästen vorbei. Die Leute schauen uns erstaunt an, während wir uns durchquetschen. Kurz darauf erleben wir das gleich wieder. Im kleinen Ort vor unserem Ziel entdecken wir eine kleine Bäckerei - wir kaufen 2 Topfenstrudel á € 1,- bei einer freundlichen Dame. Wir müssen ziemlich fertig aussehen, denn als der Chef uns sieht, schenkt er uns einen großen Sack voll Brot und Stangerl. Er duldet auch keine Widerrede!
Bis wir im Posjetiteljski centar Dravska priča ankommen, sind wir 7,5 Stunden am Rad gesessen.
Dieses moderne Besucherzentrum in Noskovci ist im Sommerpalais der Grafen Drašković untergebracht und Teil des Regionalparks Mura-Drava.


Es bietet interaktive Multimedia-Ausstellungen über die reiche Flora und Fauna der Drau-Auen, eine Bio-Forschungsstation und vor allem ein Storchenschutzzentrum, in dem verletzte und erschöpfte Störche gepflegt und später wieder freigelassen werden. Mir fällt auf, dass ein Storch außerhalb des Geheges ist: Wer das ist, erfährst Du hier. Die Anlage mit ihren Stegen, Gärten und dem historischen Ambiente, Ziegen und Rindern ist ein wunderbarer Ort, um die Natur des europäischen Amazonas hautnah zu erleben. Wie im ersten Zentrum, in dem wir übernachtet haben, werden wir über Nacht alleine gelassen und haben das 3ha große Anwesen für uns.

Abend und Erholung
Wir rasten uns aus, machen uns frisch – wir haben zwei Einzelzimmer bekommen (?) – und erkunden das Zentrum im Untergeschoss mit seiner Multimedia-Präsentation. Die interaktiven Stationen über Biber, Vögel, Fische und die Dynamik der Drau sind faszinierend und ein schöner Abschluss des langen Tages.
Danach haben wir uns für heute unser Abendessen verdient: Es gibt Nudeln mit Tomatensoße und Sardellen aus der Dose, wie sie hier gerne zum Frühstück angeboten werden. Einfach, aber nach 7,5 Stunden im Sattel schmeckt es wie ein Festmahl. Und auch wenn es hier kein Restaurant gibt - eine Bar gibt es doch 😊😊😊.
Fazit Tag 20
Ein langer, heißer, teilweise falscher und durchaus nervenaufreibender Tag: Industrial-Frühstück mit Eier-Wunsch, sandige Schiebepassagen, verpasste Abzweigungen und Halswirbelsäulen-Training, Sturm, umfallende Bäume, ein Radweg mitten durch eine Bar und endlich die Ankunft in Dravska priča.
Tag 21 – Barrieren - 60km
Wir sitzen beim Sonntagsfrühstück. Die Dame an der Rezeption ist extra für uns am Sonntagmorgen sehr früh aufgestanden, um uns etwas herzurichten. Das geschenkte Brot vom Vortag können wir nun verwenden, sonst gibt es viel Wurst und Käse, Tee und Kaffee.
Wir werden ein wenig nachdenklich. In dieser tollen Natur und Umgebung erfahren Kinder und Erwachsene viel über Naturschutz und die Einflussmöglichkeiten des Menschen. Dass das Hand in Hand gehen könnte mit biologisch hergestellten Lebensmitteln, ist hier noch nicht angekommen. Stattdessen stehen einzeln verpackte Nespresso-Portionen, einzeln verpackte Schmelzkäse und Wurst, die sicher nicht bio sind. Auch in den Supermärkten gibt es das meist gar nicht gekennzeichnet. Aus unserer Sicht steht da noch ein weiter Weg bevor.



Dann wärmen wir uns im wunderschönen Wintergarten noch kurz auf, bevor wir los müssen – die heutige Etappe ist nicht viel kürzer als die gestrige. Wir verabschieden uns von den Störchen und haben wieder die Sonne im Rücken, als wir losdüsen. Es geht also nach Westen, Richtung Heimat. Immer öfter sind nun auch blühende Sonnenblumen am Wegesrand zu sehen.

Wir sind auf unserem bekannten Damm-Weg unterwegs, doch heute blockieren immer wieder Schranken unseren Weg. Eine davon nützen wir, um Taiji in den Alltag zu bringen 😊. Ein paar zusätzliche Minuten „Damm-Taiji“ – und der Körper fühlt sich wieder freier an.

Wir machen einen Stopp an einem gemütlichen See - der Platz bietet alles, was man sich wünscht - einen Tisch, einen tollen Blick und sogar eine Toilette.
Die Ruhe wird gestört durch eine Gruppe, die kroatische Volkslieder hört und mitgrölt. Ansonsten begleitet uns die Musik der 80er und 90er auf unserer Reise – die meisten Cafés, an denen wir stoppen, spielen die Hits meiner Jugend. Irgendwie lustig und schräg zugleich.
Discover Drava – Mutprobe
Nach etwa 35 km ist eine Abzweigung „Discover Drava“ ausgeschildert. So einem Hinweis folgen wir gerne. In diesem Fall muss man aber sehr mutig sein, um zu einem der tollsten Badeplätze der Reise zu kommen.


Über die erste Brücke schiebe ich mein Rad noch – Birgit hat ihres schon längst zurückgelassen. Bei der zweiten Brücke taste ich mich dann mit leichtem Gepäck und ohne Rad langsam voran. Die Brücke hält sicher kein Jahr mehr, aber uns hält sie dieses Mal noch aus! Dann wartet tatsächlich ein wunderbarer, einsamer Badeplatz an der Drau. Wir genießen das kühle Wasser und fühlen uns belohnt für den Mut.
Die nächste Barriere in Kapela Dvor
In Kapela Dvor angekommen erwartet uns die nächste Barriere: Sonntag ist alles zu, auch Lieferdienst ist nicht vorhanden. Die junge Dame an der Rezeption – „I’m new“ – ist total bemüht, trotz deutlicher Sprachbarriere. Sie telefoniert einige Zeit, aber vergeblich.
Schließlich meint sie, sie wird uns einen „Salat“ herrichten. Als wir in den Keller zum Essen kommen, erwartet uns… richtig geraten: eine Menge Wurst, ein bisschen Gemüse und Brot.
Das Hotel Kurija Janković im Internet:
Das Hotel Kurija Janković in Kapela Dvor ist ein charmantes 4-Sterne-Heritage-Hotel, das in einer eleganten Adelskurie aus dem 19. Jahrhundert untergebracht ist. Die Kurie wurde um 1880 unter Geza pl. Janković in ihrem heutigen Stil fertiggestellt und nach einer liebevollen Renovierung 2016 als Boutique-Hotel wiedereröffnet. Mit 18 stilvollen Zimmern, einem Restaurant, einer Bar und einem Garten bietet es Gästen eine Mischung aus historischem Flair und modernem Komfort. Besonders hervorzuheben ist die Lage mitten im UNESCO-Biosphärenreservat Mura-Drava-Donau und direkt an den Radwegen der Drava-Route und des EuroVelo 13. Viele Gäste schätzen die ruhige Atmosphäre, die freundliche Betreuung und die Möglichkeit, den europäischen Amazonas von hier aus per Rad oder zu Fuß zu erkunden.
Ich finde es cool und verrückt zugleich, einer neuen Angestellten an einem Sonntagabend die Leitung für ein Hotel zu übertragen. Sie meistert die Situation mit Charme und Improvisation – und wir landen am Ende doch noch satt und mit einem Lächeln im Bett. Der Tag war voller Hindernisse – und doch voller kleiner Abenteuer und schöner Momente.
Tag 22 – Zeichen setzen - 40km
Wir starten mit einem Frühstück im Keller – das klingt schlimmer als es ist. Der Raum ist gemütlich und wir bekommen alles, was wir brauchen. An diesem Tag erwarten uns wieder 100 % Asphalt und nur 40 km.
Gleich am Morgen machen wir wieder einen Abstecher zur Drau und nutzen einen Steg über dem Wasser für Qigong (Armin) und Taiji (Birgit). Die Bewegung über dem fließenden Wasser fühlt sich besonders an – ein schöner Start in den Tag.

Križnica – die kroatische Enklave
Dann geht es weiter nach Križnica. Das ist ein lustiger Teil nördlich der Drau, der zu Kroatien gehört. Der Grenzverlauf sieht aus wie am Bild – und hat rein gar nichts mit dem Flussverlauf zu tun. Vielleicht noch mit den Nebenarmen.


Dorthin gelangen wir über eine beeindruckende Fußgänger-Hängebrücke. Die Fußgänger-Hängebrücke bei Križnica ist eine etwa 300 Meter lange, schmale Seilbrücke (davon rund 164 Meter über dem Wasser), die den kroatischen „Flussinsel“ Križnica mit dem Festland verbindet. Sie wurde 1968 erbaut und ist ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer gedacht. Die Brücke schwankt spürbar und bietet beim Überqueren einen beeindruckenden, etwas abenteuerlichen Blick auf die wilde, schnell fließende Drau.

Autos überqueren mit einer Fähre die Drau und scheinen in dieser Enklave keine Kennzeichen zu benötigen. Das Besucherzentrum hat am heutigen Montag Ruhetag, aber wir erkunden den Bereich auf eigene Faust. Die Atmosphäre ist ruhig und ein bisschen abenteuerlich.
Zurück und Richtung Zlatni Klas

Zurück über der Brücke ist es schön zu fahren und nicht mehr weit bis Zlatni Klas in Otrovanec.
Das dortige Gästehaus und Restaurant ist wohl das beste Restaurant unserer gesamten Reise. Die Familie Tkalčec betreibt hier seit fast 50 Jahren ein vorbildliches Agro-Tourismus-Anwesen mit eigener Biolandwirtschaft und vielen Eigenprodukten auf der Speisekarte (Wir haben 3 Generationen in der ersten Stunde kennen gelernt!). Besonders bekannt sind sie für Gerichte aus Brennnesseln (Suppe, Nudeln, Brot und sogar Pizza), traditionelle Podravina-Spezialitäten und Fleisch aus dem Holzofen. Falstaff und Gault&Millau haben den Zlatni Klas mehrfach ausgezeichnet – und man merkt sofort warum: authentisch, herzlich und von hoher Qualität.
Genau nach Birgits Geschmack – und … richtig geraten: Heute hat der Betrieb Ruhetag. Gestern, so erzählt man uns, waren 150 Gäste da. Schön für sie.
Aber Birgit packt wieder einmal ihr kommunikatives Talent aus und verhandelt mit dem Senior-Chef. So bekommen wir nicht nur Bier und Wein, sondern auch Salat und einen phantastischen Kalbsbraten mit Kartoffeln.


Und wir stibitzen ein wenig Öl vom Tisch, um in der ersten Badewanne der Reise ein Bad mit Öl zu nehmen – das tut unserer Haut extrem gut.
Diese Nacht ist sehr erholsam nach den vorigen zwei anstrengenden Tagen.
Die Geschichte von Otrovanec – dem „giftigen Dorf“
Der Name Otrovanec kommt vom kroatischen Wort otrov (Gift) und bedeutet so viel wie „Giftort“ oder „vergiftetes Dorf“. Die bekannteste und beliebteste Erklärung ist eine lokale Legende aus der Zeit der Osmanen-Einfälle:
Als die osmanischen Truppen erneut das Gebiet überfielen, wollten die Bewohner des damaligen Dorfes diesmal nicht fliehen. Ein weiser alter Mann (der sich mit Heil- und Giftpflanzen auskannte) riet den Dorfbewohnern, giftige Pflanzen zu sammeln und damit einen kleinen See oder eine Tränke zu vergiften, die die Osmanen und ihre Pferde zum Tränken nutzten.
Nachdem die Soldaten und besonders die Pferde das vergiftete Wasser getrunken hatten und erkrankten oder starben, brach Panik aus und die osmanischen Truppen zogen sich zurück. Der Legende nach rief der Alte dem fliehenden osmanischen Anführer hinterher: „Jetzt bist du aber richtig vergiftet!“ („Sad si bome Otrovanec!“). Die fliehenden Soldaten schrien angeblich „Otrovanec! Otrovanec!“ – und so erhielt das Dorf seinen ungewöhnlichen Namen.
Tag 23: Unsere kleine Farm und "Captain´s Dinner" - 48km
Nach einem herrlichen Frühstück folgt eine herzliche Verabschiedung von Zlatni Klas. Alle, die wir kennengelernt haben, werden herbeigerufen, winken oder umarmen uns sogar zum Abschied und wünschen uns eine weitere gute Heimreise. Das fühlt sich an wie Abschied von Freunden.
Wir fahren ein Stück zurück, wie wir gestern gekommen sind, durch Pitomača an die Drau.
„Umwege“ führen uns weg vom Damm, direkt an die Drau, sind mit „Discover Drava“ gekennzeichnet und zahlen sich oft aus – sie bringen uns zu den schönsten Stellen.

Mir fällt dort sofort ein Defender Land Rover mit Schweizer Kennzeichen auf. Wir lernen Klas und Irene kennen, die schon zwei Monate unterwegs sind. Sie wollen die Welt bereisen, haben alles zu Hause verkauft und hinter sich gelassen und sind erst mal auf dem Weg nach Griechenland, um dort den Winter zu verbringen. Dann soll es vermutlich weitergehen nach Georgien, China, Thailand … Das klingt nach einem gewaltigen Abenteuer – kein Vergleich zu unserem Mini-Ausflug. Sie zeigen uns stolz alle Details und Umbauten, die sie in den letzten zwei Jahren am Auto gemacht haben.

Wir werden unterbrochen, als ein Bauer mit Traktor kommt. Sein Feld befindet sich auf der anderen Seite der Drau, daher muss er mit dem Floß (Brod) über die Drau hin und her schippern. Ein schönes, alltägliches Bild am europäischen Amazonas.
Geniale Wegführung und Störche

Wir machen uns wieder auf den Weg und werden rasch wieder an die Drau geführt. Ein toller Stopp, an dem wir von einem Blick Störche, Schwäne, Kormorane und viele Fische sehen. Leider ungeeignet zum Schwimmen.
Die Wegführung ist an diesem Tag genial: alles Asphalt und auf ruhigen Nebenstraßen durch kleine Dörfer. In Đurđevac – einem etwas größeren Ort – entschließen wir uns im Café, keinen Snack zu uns zu nehmen. Unsere Erfahrung zeigt, dass wir am Abend oft sehr gut und üppig verköstigt werden. Wir werden am Abend wieder in einer Weinstraße sein. Bis dorthin sind es allerdings noch ein paar Höhenmeter (Weinstraße eben 😊).
Ankunft auf der Farmica
Dann erreichen wir unsere Unterkunft „Farmica“ (= kleine Farm). Dort lernen wir gleich mal unsere Gastgeber Thomas und Pedre kennen. Pedre ist ein Schaf und hat sehr viel Lust, Birgit abzulecken. Birgit ist salzig und findet das nur so lange lustig, bis sie gebissen wird. Pedre wird vertrieben.
Neben Schafen gibt es 17 Hühner, Hunde und Katzen. Auch jede Menge Obst in Bio-Qualität ist vorhanden – Zwetschken und Äpfel am Baum, sowie Trauben – und wir dürfen uns nach Herzenslust bedienen.

Zum Abendessen gibt es Ossobuco. Das braucht aber noch ein paar Stunden, also erst um 20:00 Uhr fertig! (Da schlafen wir oft schon.) Es gibt einen Pool, den wir benutzen sollen – davor steht aber noch ein besonderes Highlight an: Wir können heute auf 1.000 geradelte Kilometer anstoßen!
Pool und Würfelpoker

Der Pool ist in drei Minuten zu Fuß durch den Wald erreichbar. Als wir dort ankommen, flüchten zwei Jungs recht rasch. Die haben sich dort wohl unerlaubt Zugang verschafft. Wir müssen lange lachen und genießen die Zeit im erfrischenden Wasser.
Danach vertreiben wir uns die Zeit mit drei Runden Würfelpoker (Armin gewinnt 2:1).
Abendessen und Seemannsgarn
Dann geht es – endlich – zum Abendessen. Das Fleisch ist nach drei Stunden Garzeit bei Niedertemperatur perfekt zart. Dazu gibt es eingelegte Steinpilze (vom Hausherrn persönlich gesammelt, wenn es regnet findet er schnell 10 Kilogramm davon), eingelegte Paprika und Rakija (Schnaps).
Thomas schaut ein paar Mal vorbei und setzt sich schließlich zu uns. Er spricht sehr gut Englisch und erzählt, dass er als Kapitän sehr viel Geld verdient hat, auf der ganzen Welt unterwegs war, von seinen zwei Scheidungen, dass er seine jetzige Frau in Mallorca kennengelernt hat, wo er mit Immobilien viel Geld gemacht hat, in Südafrika war, irgendwas in Finnland mit Microchips gemacht hat, 2009 die Farmica mit 9 Häusern gekauft hat (alle renoviert, in einem davon wohnen wir) und immer noch als Kurzzeit-Kapitän arbeitet, weil das so gut bezahlt ist, dass er nicht ablehnen kann.
Ich weiß nicht, was ich davon alles glauben soll und wie viel „Seemannsgarn“ da dabei ist. Er liebt es offensichtlich, sich zu den Gästen zu setzen und diese Geschichten zu erzählen.
Wir machen uns satt und zufrieden auf den Heimweg zu unserem Häuschen, das drei Minuten entfernt ist. Und dann erleben wir bei Neumond ein unglaubliches Stern-Spektakel – abseits der Stadt, hoch am Weinberg.
Tag 24: Regen? - noch nicht! - 56km

Die Sonne geht im Osten auf – fantastisch über den Weinbergen. Wir bekommen ein Frühstück mit Omelette. Die Eierproduzenten beobachten wir am Weg dorthin dabei, wie sie einen Sack – gefüllt mit Maiskolben – so lange bearbeiten, bis sie an den Inhalt herankommen. Sehr fleißig, sehr frech und sehr unterhaltsam.
Frühe Flucht vor dem Regen
Wir machen uns früh auf, da wir Regen erwarten. Wir wollen nicht nass werden – aber Regen würde nicht nur der Landschaft, sondern auch der Temperatur gut tun.
Wir rollen rasch bergab (Weinberg eben 😊) und es ist erstmal recht frisch – gerade noch kurzärmelig möglich. Bald wird es wieder heiß und schwül.


Auch heute erwartet uns eine sehr schöne Strecke und zwei Stopps: ein Bad in der Drau und ein fantastischer Rastplatz mit Blick auf ein Vogelparadies .
Café-Durststrecke und Hitze
An diesem Tag kommt aber lange kein Café – erst 5 km vor unserem Ziel. Danach ist das Weiter-Radeln umso anstrengender und heiß, und ein Stück geht es über Schotter. Kein Regen in Sicht.
Hotel Zrinski und Trüffel-Genuss
Als wir im Hotel Zrinski in Koprivnica ankommen, folgt unser übliches Wasch- & Wäsche-Ritual. Im Hotel gibt es ein tolles Restaurant und wir sind hungrig: Pizza und Pasta mit Trüffel. Der Rosé-Wein macht mich aber müde und nur mühsam schleppe ich mich in die Stadt. Es ist heiß und schwül, Birgitgenießt ihr wohlverdientes Eis. Der erhoffte und befürchtete Regen ist ausgeblieben, aber der Körper und die Seele sind trotzdem gut versorgt.
Tag 25: Genuss im 4 Sterne Hotel? - 54km
Laut Wettervorhersage soll es in der Nacht regnen und gegen 8:00 Uhr aufhören. Wir warten also morgens ein wenig und lassen uns beim Omelette mit Champignons etwas mehr Zeit als üblich. Es ist recht frisch und erstmals packe ich meine lange Jacke aus – der Herbst meldet sich langsam.
Abstecher und "Kostn"


Wir machen – wie am Tag zuvor – einen Abstecher zu unserem GPS-Track, auch damit wir nicht am selben Weg 8 Kilometer zurückfahren müssen. In der Gegend finden sich regelmäßig riesige „Körbe“ zum Trocknen von Mais oder Ähnlichem. Birgit nennt sie „Troatkostn“ - offiziell heißen sie Tschardake, Maisdarre oder auf echt steirisch Woazharpfe).
Zum Zusammenfluss von Mur und Drau


Wir machen uns auf Richtung Legrad und weiter zum gut ausgeschilderten Zusammenfluss von Mur und Drau – das sind 3 km Umweg, die sich absolut lohnen. Dort wird gerade heftig gebaut: Wir müssen uns an Bauarbeitern und schweren Maschinen vorbeischummeln, wie bei einem Hindernisparcours.
Von hier aus sehen wir zum Bereich hinüber, wo wir an Tag 5 gestanden sind. Unglaublich, dass das 20 Tage her ist und was wir in der Zwischenzeit erlebt haben – unzählige Kilometer, Länder, Begegnungen, Bäder und Abenteuer. Ein stiller, emotionaler Moment.
Orientierungsdiskussion und/oder schlechte Beschilderung
Am Rückweg haben wir zwei verschiedene Meinungen, wo sich Westen befindet. Auf jeden Fall verfahren wir uns und diskutieren heftig. Wer hat Recht? (In einer harmonischen Ehe immer die Frau – auch wenn sie ganz offensichtlich unrecht hat 😊). Also erst mal ab in die falsche Richtung, umkehren und feststellen, dass wir eh am richtigen Weg waren.

Wird es heute regnen? Wir wissen es nicht und ziehen einfach durch. Links und rechts der Drau müssen wir oft den Weg checken, der heute besonders schlecht beschildert ist. Besser wäre es, am Kanal zu bleiben, der ab Donja Dubrava die Drau begleitet.
Dieser Kanal entspringt dem Dubrava-Stausee. Der Dubrava-Stausee (Dubravsko jezero) ist mit rund 17 km² Fläche der größte künstliche See Kroatiens und der zweitgrößte See des Landes insgesamt. Er wurde 1989 für das Wasserkraftwerk Dubrava (81 MW) angelegt und staut die Drau auf. Mit seinen langen Seitendämmen gehört das Absperrbauwerk zu den längsten der Erde und ist ein beeindruckendes Beispiel für die Nutzung der Drau-Kraft.
Regen und Hotel Panorama
Wir finden einen Weg am Stausee entlang bis Prelog, wo es gerade zu regnen beginnt, als wir uns dem Hotel nähern. Dort beziehen wir mit dem Hotel Panorama eines der wenigen 4-Sterne-Hotels der Tour. Das Internet verspricht Blick auf den See von allen Zimmern aus...
An der Rezeption erfahren wir: der Jacuzzi ist kaputt, die Sauna kostet extra 20 € pro Person, das Restaurant hat zu, als wir ankommen – also ab ins Zimmer, Wäscheritual und … rasch die Vorhänge zu! Unser Zimmer hat direkten Blick auf Bauarbeiter – und umgekehrt! Vorhänge in Rekordzeit zugezogen!
Für den ersten Hunger haben wir Gott sei Dank ein Eierspeisbrot vom Frühstück in Reserve und dann erst mal ab in die warme Wanne als Ersatz für den Jacuzzi.
Im Café dort hat man aber einen tollen Ausblick auf den See und viele weiße Bojen, die sich – als sie plötzlich wegfliegen – als Schwäne herausstellen. Wir sollten unsere Brillen aufsetzen! Ein herrlicher, lustiger Moment.
Sauna und 4-Sterne-Abendessen
Um 15:30 sperrt die Sauna auf. Wir genießen die Wärme, aber die Lüftung ist sehr laut und der kaputte Jacuzzi ist teilweise noch mit Wasser gefüllt und es stinkt. So verlegen wir die Ruhepause ins Zimmer (die Bauarbeiter haben glücklicherweise schon Feierabend) und begeben uns dann zum Abendessen: Der Hähnchenspieß und das Risotto auf 4-Sterne-Niveau entschädigen uns mehr als reichlich, auch wenn der junge Kellner "craft beer" und "draft beer" verwechselt.
Tag 26 – Komm mit nach Varaždin, so lange noch die Rosen blüh’n - 28,5km
Es regnet!

Beim Frühstück sind wir zu sechst – was unsere Zimmerzuteilung noch absurder macht. Wir bekommen ein hübsches Spiegelei und das einzige Mal auf der Reise frisch gepressten Orangensaft. Ein kleines Luxus-Highlight.
Wir starten spät, um den Regen abzuwarten – und es klappt. Unser morgendliches Qigong am Balkon wird von den Arbeitern interessiert beobachtet. Es ist wieder kühl.
Entlang der Drau und Wildgans-Qigong
Wir fahren zum See rauf und dort entlang, dann kurz an der Hauptstraße, damit wir unseren Trail entlang der Drau finden. Da geht es kurz am Damm entlang und dann direkt zur Drau. An einem wunderschönen Platz entdecken wir Wildgänse und üben zu ihrer Ehre den Beginn des Wildgans-Qigong.

Der Weg direkt an der Drau ist leider von mehreren umgefallenen Bäumen blockiert – hier wird auch nicht regelmäßig aufgeräumt. Also wählen wir eine Nebenstraße bis zum Beginn des nächsten Stausees (Varaždin-See), der 10 Meter über uns liegt. Die unglaubliche Natur wird immer mehr als Mülldeponie missbraucht. Von der Plastikflasche bin zum Kühlschrank wird alles in großer Menge direkt neben dem Weg entsorgt - mitten im Naturschutzgebiet - was für ein Kontrast.


Wir fahren lieber am See entlang als unten auf unserem Trail. Das geht viele Kilometer ruhig dahin, ohne dass wir jemanden begegnen. Nur der (Gegen-)Wind begleitet uns und ein wenig unangenehmer Geruch des Sees. Nur den letzten Teil müssen wir wieder unten fahren, aber dieser Weg führt uns auf einem sehr netten Pfad abseits der Hauptstraße hinein Richtung Varaždin.
Ankunft und Regenglück
Als wir an der Rezeption ankommen, klären wir nach dem Einchecken wie üblich: Wann ist das Frühstück? Wie ist der WLAN-Code? Wohin mit den Rädern? Die Räder werden rund ums Gebäude Richtung Garage geschoben und untergebracht – ein etwa 60 Meter langer Weg.
Am Weg zurück beginnt ein heftiger Regenschauer. Wir sind keine Minute zu früh angekommen – was für ein Glück!
Gott sei Dank gibt es ein Restaurant in unserem Hotel. Eine typische Steinpilzsuppe, Tomatensuppe und grüne Nudeln mit Garnelen verkürzen die Wartezeit, bis der Regen aufhört.
Varaždin und Kaffeehauskultur
Varaždin ist eine der schönsten Barockstädte Kontinentalkroatiens und war von 1756 bis 1776 sogar kroatische Hauptstadt. Die gut erhaltene Altstadt mit ihren pastellfarbenen Fassaden, Palästen und Kirchen atmet noch heute den Charme der k.u.k.-Zeit. Besonders berühmt ist die lebhafte Kaffeehauskultur: Schon im 18. Jahrhundert gab es hier die ersten Kaffeehäuser, und bis heute genießen die Varaždiner und Gäste gemütlich und ausgiebig ihren Kaffee auf den Terrassen rund um den Hauptplatz – ganz im Wiener Stil, nur etwas renovierter und mit mehr Touristen und Radfahrern.
Varaždin erinnert alle vor 1973 Geborenen an das Lied „Komm mit nach Varazdin“ aus der Operette Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán (ich habe davon noch nie gehört). Also müssen wir in dem berühmten besungenen Caféhaus mehrere Tortenstücke und Kaffee zu uns nehmen.
Davor laufen wir durch alle Gassen und Gäßchen der entzückenden Altstadt.
Tatsächlich haben wir in den letzten zwei Tagen einen Kultursprung gemacht. Viele Menschen sprechen Deutsch, die Speisekarten sind mehrsprachig, und wir könnten uns auch in einem alten Wiener Kaffeehaus befinden.
Nach der Sauna – nur für uns reserviert – stellen wir im Zimmer fest, dass wir faul werden. Die Vorbereitung auf den nächsten Tag lassen wir immer mehr schleifen und auch die Dokumentation der Reiseerlebnisse wird weniger. Die Reise nähert sich dem Ende – und wir spüren es.
Tag 27 – Slowenien – hin und retour und wieder hin - 62km

Das Frühstück im Tiefparterre hält erstmals gebratenes Gemüse für uns bereit, dazu Mini-Semmeln mit ausgezeichnetem Geschmack (da wird eines noch für später stibitzt). Wir haben uns entschieden, an der Drau zu bleiben. Wir verlassen somit den Amazon of Europe, der uns zurück nach Mureck gebracht hätte. Wir wollen nach Maribor am Drauradweg und von dort mit dem Zug nach Graz zurück.

Entlang der Schnellstraße führt uns ein guter Radweg raus aus der Stadt, aber mir ist es doch zu laut. Wie schon fast gewohnt suche ich eine Alternativroute abseits. Nach ein paar Kilometern merken wir, dass wir so auch mit einem weiteren kleinen Schlenker nach Ormož in Slowenien kommen.
Gedacht – getan, und in Ormož genießen wir nach etwa 30 Höhenmetern einen tollen Ausblick und einen Kaffee.

Zurück geht’s nach Kroatien für weitere 10 km, bevor wir bei Dubrava Križovljanska endgültig Kroatien verlassen. Nach einer Überquerung der Drau wird es Zeit für eine Pause.


Wir suchen einen Rastplatz, können uns aber nicht zur Drau durchschlagen – es ist alles zugewachsen. Der lokale Fußballklub hat ein Auswärtsspiel, sodass der Platz für unsere Pause perfekt passt. Wir werden dafür dem NK Stojnci die Daumen in der laufenden Meisterschaft halten!
Der dritte Stausee und Ptuj
Es folgt der dritte und kleinste Stausee Richtung Ptuj. Wir finden wieder einen angenehmen Weg entlang des Sees Richtung Ptuj.

Ptuj ist die älteste Stadt Sloweniens und geht auf die römische Siedlung Poetovio zurück, die bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. als wichtiger Militär- und Handelsort blühte. Die Altstadt wird von der mächtigen Burg überragt und besticht durch gut erhaltene mittelalterliche Gassen, römische Denkmäler und eine reiche Weintradition. Heute gilt Ptuj als eine der schönsten historischen Städte des Landes und ist berühmt für das farbenfrohe Kurentovanje-Karnevalsfest.
Im Hotel Ptuj warten wir kurz, bis unser Zimmer fertig ist, dann geht es auf Richtung Therme, die … Überraschung … renoviert wird! Aber das benachbarte Hotel hat einen Day Spa. Wir lassen uns durchblubbern und genießen die Saunen.


Abendessen mit Tiramisu-Erlebnis
Zum Abendessen finden wir mit der Gostilna Ribič nicht nur ein Lokal mit tollem Ausblick auf die Drau, sondern auch mit hervorragender Küche und einem tollen Kellner. Gott sei Dank überredet er uns nach Fischsuppe bzw. Barsch zu einem Tiramisu-Erlebnis der besonderen Art und dem dazu passenden Süßwein.
Tag 28 - Maribor - 37,5km
Der Tag beginnt mit dem Frühstück mit der größten Auswahl der gesamten Reise: Tomate-Mozzarella, Räucherlachs auf Ruccola, griechischer Joghurt, Spiegelei, Honigmelone und Prosciutto. Vergessen sind der Schmelzkäse und so manche lieblose Wurstplatte unserer Reise. Ein würdiger, fast luxuriöser Start in den vorletzten Tag – und wir genießen es in vollen Zügen.
Burg und Altstadt von Ptuj


Wir spazieren zur Burg – die sperrt aber erst um 10:00 Uhr auf. Also wieder runter und wir erkunden die Altstadt. Mir gefallen die Sprüche an der Wand von einem Literaturfestival – kleine, nachdenkliche Sätze, die mitten im historischen Gemäuer hängen und den Tag auf leise Art bereichern.
Dann wieder rauf zur Burg für den Rundumblick. Die Aussicht über die roten Dächer, die Drau und die sanften Weinberge ist fantastisch. Man spürt die Geschichte der ältesten Stadt Sloweniens in jeder Richtung – und genießt den Moment, bevor es weitergeht.

Nach Maribor
Als wir um 12 Uhr losradeln, suche ich wieder eine Alternativroute näher der Drau. Diese Route hat einige Höhenmeter, aber es gibt nur leichte Beschwerden von Birgit. Der Weg führt uns auf einem tollen, ruhigen Pfad nach Maribor.


Wir sind von der breiten Promenade beeindruckt – so viel Raum, so viel Leben an der Drau. Wir wollen aber erst mal zu unserem Hotel Bau. Dazu fahren wir einige Höhenmeter rauf und lange stadtauswärts. Den Rückweg finden wir schon leichter, und an der linken Drau-Seite ist eine Menge los – viele Menschen und auch Touristen, viel mehr als wir in den letzten Wochen gewohnt sind. Ein erster Hauch von „Zivilisation“ nach all der Wildnis und den stillen Flusslandschaften.
Stadt, Cocktail und wehmütiger Blick


Nach dem Essen haben wir ausreichend Zeit, die Stadt anzusehen, bevor wir beim Cocktail – wieder an der Drau – nochmals auf unsere Reise und die absolvierten 1250 Kilometer anstoßen.

Wir freuen uns auf zuhause und auf ein paar Tage ohne Rad, klar.
Aber unser Blick wandert nochmals an die Drau: flussabwärts, gedanklich bis zum Zusammenfluss mit der Mur, den wir von zwei Seiten gesehen haben, weiter durch Kroatien, wo irgendwann aus der Drau die Donau wird. Wir denken an Erdut mit dem wunderbaren Blick auf die Donau und den Blick auf drei Länder. Wir denken an die so schönen Tage in Ungarn und an die Stelle in wo die Mur in die Drau fließt.
Etwas wehmütig radeln wir heim und beschließen, morgen einen früheren Zug zu nehmen, um bald wieder in Graz zu sein.
Die Reise neigt sich dem Ende zu – und wir merken, wie sehr uns diese Flüsse, die Menschen und die kleinen Abenteuer ans Herz gewachsen sind.
Tag 29 – Rückkehr - 15km


Heute reicht ein kleines Frühstück, weil wir nicht mehr weit radeln. Es geht sogar ohne Radlerhose im normalen Gewand. Es fühlt sich ungewohnt an, als es durch die Innenstadt zum Bahnhof geht, den Weg kennen wir im Prinzip von gestern. Unser bepacktes Rad hat gerade mal so im Lift am Bahnhof Platz. Wir sind früh da und alles läuft nach Plan.

Als wir im Zug sitzen, bedanken wir uns nochmals bei unseren Rädern und den Reifen. Alles hat durchgehalten: keine Panne, kein Patschen, nichts in dieser Art. Keine Umfaller oder Unfälle und keine großen Verletzungen, keine Abnützungserscheinungen (ein aufgeschürfter Knöchel war das Schlimmste). Dafür jede Menge positiver, intensiver und manchmal auch lustiger Erlebnisse.
Ich danke leise auch Birgit und weiß, dass sie mir ebenso dankbar ist, dass wir diese Tage zusammen erleben durften.
Graz
In Graz wollen wir gar nicht schnell heim. Wir machen den üblichen Café-Stopp – diesmal am Lendplatz,
wo wir auch noch einkaufen können. Unser Kühlschrank wird zwar nicht ganz leer sein, aber sicher ist sicher. Und ein steirisches Backhendl habe ich auch schon lange nicht genossen.

Zuhause angekommen werfen wir unsere wenigen Wäschestücke in die Maschine und beschließen, keine elektronischen Geräte einzuschalten. Stattdessen pflegen wir unsere Haut, nehmen unsere Reiseaufzeichnungen und erinnern uns gegenseitig an die Momente, die uns besonders gefallen haben.
Danke
Danke an alle, die das Projekt des „Amazon of Europe“ ermöglicht haben, an alle, die uns bei der Reiseplanung unterstützt haben – allen voran Gabor Helian – und an alle Menschen, die uns auf der Reise hilfreich und respektvoll begegnet sind.
Wir hoffen, dass dieses riesige Naturschutzgebiet möglichst lange bestehen bleibt und ein Rückzugsort bleibt für viele Tierarten, sodass viele weitere Menschen mit Rad, Boot oder zu Fuß diesen Bereich erkunden können.
Danke Birgit, dass Du mich auf dieser Rad-Reise so positiv begleitet hast wie schon viele Jahre zuvor – oft auch ohne Rad.


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